Es gibt Sätze, die man nie wieder vergisst.
„Ihr werdet leider keine Kinder bekommen können." „Ihr Sohn ist für das Gymnasium nicht geeignet." „In Ihrem Alter brauchen Sie damit nicht mehr anzufangen." „Aus dir wird nichts."
Manchmal fallen sie beiläufig, zwischen Tür und Angel. Manchmal sachlich, mit Befund und Unterschrift. Und dann bleiben sie.
Jahrzehntelang.
Auch Abram hatte so einen Satz gehört. Er kam von einer Stelle, die seine ganze Welt für unbestechlich hielt.
Er kam aus... den Sternen!
Kinderlos
Die Tora sagt es schon, bevor Abrams Geschichte überhaupt beginnt, knapp wie in einer Krankenakte: „Und Sarai war unfruchtbar; sie hatte kein Kind." (1.Mo 11,30)
Dann ruft Gott Abram, verspricht ihm, ihn zu einem großen Volk zu machen, und Abram zieht los. Jahre vergehen. Er kommt ins Land, zieht weiter nach Ägypten, kommt zurück, gewinnt einen Krieg...
Nur das eine geschieht nicht.
Und irgendwann bricht es aus ihm heraus: „Mein Herr, Ewiger, was willst du mir geben? Ich gehe ja kinderlos dahin … Sieh, mir hast du keine Nachkommen gegeben, und nun wird ein Knecht meines Hauses mich beerben." (1.Mo 15,2–3)
Da spricht ein Mann, der aufgehört hat zu hoffen.
Und Gott antwortet: „Nicht dieser wird dich beerben, sondern der, der aus deinem eigenen Leib hervorgeht." (1.Mo 15,4)
Dann folgt der berühmte Vers: „Er führte ihn hinaus und sagte: Blick doch zum Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sagte zu ihm: So werden deine Nachkommen sein." (1.Mo 15,5)
Die meisten kennen ihn als schönes Bild für die vielen Nachkommen Abrahams. Aber die Weisen haben gefragt, warum ausgerechnet die Sterne. Und warum es heißt: „Er führte ihn hinaus."
Was Abram in den Sternen gelesen hatte
In Abrams Welt war die Sterndeutung Wissenschaft!
In Mesopotamien, wo er herkam, beobachteten Gelehrte jede Nacht den Himmel, schrieben auf, was sie sahen, und leiteten daraus ab, was Königen und Völkern bevorstand.
Wer etwas über seine Zukunft wissen wollte, fragte die Sterne.
Der Talmud, die große Sammlung der Lehren und Gespräche unserer Weisen, erzählt, was Abram in diesem Moment wirklich bewegte (Schabbat 156a). Abram sagt zu Gott: „Herr der Welt, ich habe in meine Sternkarte geschaut. Nach der Stellung meiner Sterne bin ich nicht dazu bestimmt, einen Sohn zu haben."
Das ist der eigentliche Grund für sein „Ich gehe kinderlos dahin"!
Abram hatte eine "Prognose". Eine fachkundige, gut begründete, nach allen Regeln seiner Zeit gesicherte Prognose.
Und Gott antwortet ihm, so die Überlieferung: „Geh hinaus aus deiner Sterndeutung."
Das ist das „Er führte ihn hinaus".
Gott führt Abram aus dem Denken heraus, in dem die Sterne das letzte Wort haben.
Raschi, der wichtigste jüdische Ausleger der Tora, beobachtet dazu noch etwas Feines. Das Wort, das Gott hier für „blick" verwendet, bedeutet eigentlich, von oben nach unten zu schauen. Gott stellt Abram gleichsam über die Sterne. Du sollst sie nicht mehr von unten anstarren, als hinge dein Leben an ihnen. Du stehst darüber. (Genial, oder?)
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Ja, ich möchte die 7 Verse sehenAbram nicht, Abraham schon
Und dann sagt Raschi eine gewaltige Auslegung:
Gott sagt sinngemäß zu ihm: Was du in den Sternen gesehen hast, stimmt sogar. Abram wird keinen Sohn haben. Aber Abraham wird einen Sohn haben. Sarai wird nicht gebären. Aber Sara wird gebären. Ich gebe euch einen neuen Namen, und euer Schicksal wird sich ändern.
Genau das geschieht wenig später: „Dein Name soll nicht mehr Abram genannt werden, sondern dein Name soll Abraham sein." (1.Mo 17,5) Und: „Sarai, deine Frau, ihren Namen sollst du nicht Sarai nennen, sondern Sara ist ihr Name. Und ich will sie segnen und auch will ich von ihr dir einen Sohn geben." (1.Mo 17,15–16)
Ein neuer Name, und die Prognose gilt nicht mehr für den Menschen, der jetzt dasteht.
Es gibt dazu sogar eine allgemeine Lehre (Rosch Haschana 16b): Vier Dinge, sagt Rabbi Jizchak, zerreißen das Urteil, das über einen Menschen verhängt ist: Wohltätigkeit, ein Schrei im Gebet, eine Änderung des Namens und eine Änderung des Handelns. Und für die Änderung des Namens nennt er genau diesen Vers über Sara.
Gott verschiebt einen Planeten
Die Überlieferung geht an dieser Stelle noch einen Schritt weiter, und ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn ich es lese.
Gott sagt zu Abraham: „Was denkst du? Weil der Jupiter im Westen steht, kannst du keine Kinder haben? Dann stelle ich ihn eben in den Osten."
Die Überlieferung findet das in einem Vers aus dem Propheten Jesaja: „Wer hat ihn vom Osten erweckt, dem Gerechtigkeit auf Schritt und Tritt begegnet?" (Jes 41,2) Das hebräische Wort für Gerechtigkeit, Zedek, ist zugleich der Name des Jupiter. Und dieser Vers steht ausgerechnet in der Haftara zu Lech Lecha, also in dem Abschnitt aus den Propheten, der im Gottesdienst nach der Tora-Lesung vorgetragen wird.
Man muss sich das Bild einmal vorstellen. Die gesamte Wissenschaft einer Epoche sagt: Unmöglich, die Sterne stehen dagegen. Und Gott rückt für einen alten Mann den Himmel zurecht.
Schon der Prophet Jeremia hat es so gesagt: „Von den Zeichen des Himmels lasst euch nicht schrecken, auch wenn die Völker sich vor ihnen fürchten." (Jer 10,2)
Drei Geschichten aus dem Talmud
Gleich im Anschluss erzählt die Gemara, also der Talmud selbst, von drei kurzen sehr aufschlussreichen Begebenheiten:
Die erste: Der Gelehrte Schmuel sitzt mit einem nichtjüdischen Sterndeuter zusammen. Sie sehen Arbeiter zum Wasser gehen. Der Sterndeuter zeigt auf einen von ihnen und sagt: „Der kommt nicht zurück. Eine Schlange wird ihn beißen." Doch der Mann kommt zurück. Der Sterndeuter reißt ihm sein Bündel herunter, und darin liegt eine Schlange, in zwei Stücke zerteilt. Schmuel fragt den Mann, was er getan hat. Er erzählt: Wir legen jeden Tag unser Brot zusammen und essen gemeinsam. Heute hatte einer keines und schämte sich. Da sagte ich: Ich sammle heute das Brot ein. Und als ich zu ihm kam, tat ich so, als nähme ich etwas von ihm, damit er nicht beschämt wird.
Die zweite: Sterndeuter sagen Rabbi Akiva voraus, seine Tochter werde am Tag ihrer Hochzeit an einem Schlangenbiss sterben. Am Hochzeitsabend steckt sie ihre Haarnadel in eine Ritze in der Wand. Am Morgen zieht sie sie heraus, und daran hängt eine tote Schlange, die Nadel im Auge. Ihr Vater fragt sie, was sie getan hat. Sie sagt: Am Abend klopfte ein Armer an die Tür. Alle waren mit dem Fest beschäftigt, niemand hörte ihn. Da nahm ich meine Portion und gab sie ihm.
Beide Male zitieren die Weisen danach denselben Vers aus den Sprüchen: „Wohltätigkeit rettet vom Tod." (Spr 10,2)
Und die dritte Geschichte ist für mich die stärkste. Sterndeuter sagen der Mutter des Rav Nachman bar Jizchak über ihren kleinen Sohn: „Dein Sohn wird ein Dieb."
(Stell dir vor, so einen Satz über dein Kind zu hören.)
Was tut diese Mutter? Sie nimmt es nicht hin. Und sie verzweifelt auch nicht. Sie bedeckt seinen Kopf, Tag für Tag, und sagt zu ihm: „Bedecke deinen Kopf, damit die Ehrfurcht vor dem Himmel auf dir ist, und bitte um Erbarmen." Er weiß nicht einmal, warum. Eines Tages sitzt er lernend unter einer fremden Dattelpalme, das Tuch rutscht ihm vom Kopf, und plötzlich überkommt ihn die Gier. Der Hang war also tatsächlich in ihm. Aber aus diesem Kind wurde kein Dieb. Es wurde einer der großen jüdischen Gelehrten.
Die Prognose hatte etwas Wahres gesehen. Sie hatte nur nicht mit einer betenden Mutter gerechnet.
Und heute?
Bei uns stehen keine Sterndeuter mehr auf den Dächern. Aber verschwunden sind sie nicht.
Heute tragen sie manchmal einen weißen Kittel. Manchmal sitzen sie im Elterngespräch hinter einem Lehrerpult. Manchmal heißen sie Gutachten, Statistik oder Erfahrungswert. Und manchmal sitzen sie an unserem eigenen Küchentisch und sind wir selbst.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Die Tora hat nichts gegen Ärzte. Im Gegenteil, unsere Weisen lernen aus der Tora ausdrücklich, dass der Arzt die Erlaubnis hat zu heilen (Berachot 60a; Bava Kamma 85a). Geh zum Arzt. Hör ihm zu. Nimm die Behandlung ernst. Und hör auch auf den Lehrer, der dein Kind jeden Tag sieht.
Aber gib keinem von ihnen das letzte Wort über dein Leben!
Denn eine Prognose beschreibt, wo die Sterne stehen. Oder was "logisch" erscheint. Oder was die Wissenschaft sagt. Oder...
ABER: Sie beschreibt nicht, was Gott tun wird!
Wenn ein Arzt gesagt hat: „Das wird nichts mehr", dann ist das eine ernst zu nehmende Einschätzung von dem, was er sieht. Aber Abraham war neunundneunzig, und Sara war neunzig, als Gott ihnen sagte: „Ist dem Ewigen etwas zu wunderbar?" (1.Mo 18,14)
Wenn ein Lehrer über dein Kind gesagt hat: „Aus dem wird nichts", dann denk an die Mutter des Rav Nachman. Sie hat nicht mit dem Lehrer gestritten. Sie hat ihrem Kind den Kopf bedeckt und gebetet. Jahrelang.
Wenn jemand über dich gesagt hat: „So bist du eben, du änderst dich nicht", dann denk an Abram, der Abraham wurde. Ein neuer Name. Ein Mensch, für den die alte Prognose nicht mehr gilt.
Und wenn du derjenige bist, der solche Sätze ausspricht, als Vater, als Mutter, als Lehrer, als Vorgesetzter: Dann sei vorsichtig mit dem, was du über einen anderen Menschen "in die Sterne" schreibst. Er hört es vielleicht sein Leben lang.
Die Weisen haben uns sogar gesagt, was man tun kann, wenn so ein Satz über einem hängt. Geben, gerade dann, wenn man selbst bedürftig ist. Schreien, zu Gott, ohne sich zu schämen. Ein neuer Name, also ein neues Selbstverständnis vor Gott. Und ein neues Handeln, Schritt für Schritt.
Keines dieser vier Dinge ist eine Garantie. Es gibt Gebete, die nicht so beantwortet werden, wie wir es uns wünschen, und Abraham hat auf Jizchak jahrzehntelang gewartet. Aber keines der vier Dinge lässt die Sterne das letzte Wort sprechen.
Gott hat Abram hinausgeführt. Er hat ihm nicht die Sterne weggenommen. Er hat ihn über sie gestellt.
Und dort, über den Sternen, hat nur noch einer etwas zu sagen.
Die Sterne haben vielleicht eine Meinung über dich. Das letzte Wort hat Gott.
Welcher Satz hängt über deinem Leben, den du endlich nicht mehr glauben solltest?
Schalom,
Micha
Bibelzitate aus der Tora in eigener Übersetzung: „Or Tora – Die fünf Bücher Mose", © Schalom Israel. Zitate aus den Propheten und Schriften in eigener Übersetzung aus dem Hebräischen.
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