Wajedaber und wajomer – die zwei Stimmen Gottes

Wenn man den hebräischen Text der Tora liest, fällt etwas auf, was keine Übersetzung so wirklich rüberbringt.

Vielleicht versuchen es manche Übersetzungen wie folgt:

Manchmal heißt es: „Und der Ewige sprach zu Mose."

Manchmal heißt es: „Und der Ewige sagte zu Mose."

Wajedaber und wajomer – die zwei Stimmen Gottes

Im Deutschen klingt das wie zwei Wörter für dasselbe. Sprechen, sagen. Irgendwie Synonyme. Oder Stilvariation.

Doch im Hebräischen sind es zwei verschiedene Verben!

Wajedaber (וַיְדַבֵּר). Und er sprach.

Wajomer (וַיֹּאמֶר). Und er sagte.

Und das Besondere ist: Die Wahl zwischen ihnen ist nie zufällig.

Die Wurzel von wajedaber: Davar

Starten wir mit dem ersten der beiden.

Wajedaber kommt aus der Wurzel dabar (דָּבָר). Das hebräische Wort davar ist eines der reichsten der Sprache. Es heißt „Wort", aber auch „Sache", „Angelegenheit", „Befehl".

Wenn jemand sagt: „Ich habe ein Davar mit dir", dann meint er: Ich habe etwas mit dir zu klären, etwas sehr Konkretes, vielleicht auch Ernsthaftes.

Davar ist Wort, das in die Welt greift, das Aktion hervorruft.

(Eine schöne Eigenheit des Hebräischen ist, dass „das Wort" und „die Sache" mit demselben Begriff bezeichnet werden. Es zeigt: Sprechen ist tun. Sagen ist machen. Wer ein Wort gibt, gibt eine Sache. Wer eine Sache hat, hat ein Wort.)

Wenn die Tora sagt (was sie regelmäßig tut): wajedaber Adonai el Mosche lemor – „und der Ewige sprach zu Mose, sprechend" – dann steht oft eine Anweisung dahinter. Eine Mizwa. Eine konkrete Sache, die ins Leben des Volkes übersetzt werden muss.

Wajedaber ist die formelle Stimme. Die Stimme des Gesetzgebers.

Die Wurzel von wajomer: Amar

Schauen wir uns das zweite Wort an.

Wajomer kommt aus der Wurzel amar (אמר). Sie heißt: sagen, äußern. Aber sie hat einen weicheren Klang als dabar. Sie ist persönlicher. Sie ist die Sprache des Dialogs, nicht des Erlasses.

Wenn zwei Menschen miteinander reden, ist das wajomer. Wenn jemand etwas im Herzen sagt, ist das wajomer. Wenn Gott zu Adam ruft im Garten, „wo bist du?", ist das wajomer. Wenn Sara lacht und der Ewige sie fragt, „warum hat Sara gelacht?", ist das wajomer.

(Es ist die Sprache der Beziehung, nicht der Sache.)

Wajomer ist die intime Stimme. Die Stimme des Vaters.

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Die zwei Stimmen am Berg Sinai

Schon ganz am Anfang der Tora wird der Unterschied vorgeführt.

In 1.Mo 1, dem Schöpfungstext, heißt es immer wieder wajomer Elohim – „und Gott sagte". Es ist die Sprache der schaffenden Beziehung. Interessant, oder?

Die Welt entsteht nicht durch ein formelles Dekret, sondern durch ein Sprechen, das sie ins Dasein liebt.

Aber wenn am Sinai die Tora übergeben wird, ist die Sprache anders. „Wajedaber Elohim et kol ha'devarim ha'eleh lemor." „Und Gott sprach alle diese Worte, sprechend." (2.Mo 20,1)

Die Schöpfung ist wajomer. Das Gesetz ist wajedaber.

Beide sind nötig. Eine Welt ohne wajomer wäre eine Welt ohne Beziehung. Eine Welt ohne wajedaber wäre eine Welt ohne Halt.

Wenn beide zusammenstehen

Eine besondere Beobachtung: Oft stehen die zwei Verben nacheinander. „Und der Ewige sprach (wajedaber) zu Mose, sprechend (lemor): sage (wajomer) zu den Söhnen Israels..."

Hier kommt also alles zusammen.

Wajedaber bringt die Sache. Lemor bereitet die Übergabe vor. Wajomer übergibt sie als Lebenswort.

In dieser Reihenfolge wird Tora vermittelt. Erst die Substanz, dann die Brücke, dann die Beziehung.

(Wer im Tanach öfter genau hinschaut, findet diese Dreischichtung an dutzenden Stellen. Die Tora ist nicht nur, WAS sie sagt, sondern WIE sie es sagt.)

Die zwei Stimmen im Gebet

Etwas Schönes geschieht, wenn man diese Beobachtung auf das jüdische Gebet überträgt.

In der jüdischen Liturgie gibt es zwei Hauptarten zu beten. Die formelle Liturgie – übrigens mit vielen, sehr tiefen Gebeten und auch vielen Psalmen – (tefillah) und das persönliche Sprechen mit Gott (hitbodedut).

Tefillah (תְּפִלָּה) ist wajedaber. Sie ist sachlich, formuliert, vorgegeben. Sie hilft einem, in eine wundervolle Sprache zu kommen, die größer ist als das eigene Erleben. Sie bringt den Beter aus seiner Tagesstimmung hinein in die Tiefen großer Persönlichkeiten.

Hitbodedut (הִתְבּוֹדְדוּת) ist wajomer. Sie ist persönlich, frei, in der eigenen Stimme. Sie schließt einen auf, dass das eigene Leben sich vor Gott zeigen kann. Sie ist das Gespräch des Kindes mit dem Vater, ohne Vermittlung.

Beide sind unverzichtbar.

Wer nur tefillah hat, hat eine Form ohne Inhalt. Wer nur hitbodedut hat, hat einen Inhalt ohne Form. Erst beides zusammen ergibt eine echte Konversation mit Gott.

Auch wir reden in zwei Stimmen

Was die Tora durch ihre Sprache lehrt, das gilt auch für unsere eigenen Beziehungen.

Wir reden in zwei Stimmen. Manchmal sachlich, anweisend, formell. „Bitte räum den Tisch ab." „Der Termin ist um vier." „Wir machen es so, wie wir es besprochen haben." Das ist unser wajedaber.

Manchmal persönlich, weich, beziehungsorientiert. „Ich vermisse dich." „Ich bin stolz auf dich." „Was geht in dir vor?" Das ist unser wajomer.

Beide sind richtig. Beide sind nötig. Aber eine Beziehung, die nur aus wajedaber besteht, wird kalt. Eine, die nur aus wajomer besteht, wird ohne Struktur. Reife Liebe spricht in beiden Stimmen, im richtigen Verhältnis.

(Wer mit seinen Kindern, seinem Ehepartner, seinen Eltern spricht und sich fragt, warum die Beziehung manchmal hakt, hat hier vielleicht einen ersten Hinweis. Welche Stimme dominiert? Welche fehlt?)

Die Stimme, die du brauchst

Vielleicht das Wichtigste: Gott selbst spricht in beiden Stimmen. Er ist nicht nur der Gesetzgeber, der wajedabert. Und er ist nicht nur der Vater, der wajomert. Er ist beides.

Wer den Ewigen nur als wajedaber kennt, dem fehlt die Wärme. Wer ihn nur als wajomer kennt, dem fehlt die Struktur. Erst beides zusammen ist das volle Bild.

Welche Stimme brauchst du heute mehr?

Brauchst du die klare Anweisung, die Sache, die Form? Den festen Boden des wajedaber? Dann öffne die Bibel und lass dich an die Hand nehmen von der Stimme, die Klarheit und Führung schenkt.

Oder brauchst du die weiche Zuwendung, das Hören, das Mitgehen? Den persönlichen Ruf des wajomer? Dann bete frei, in deiner eigenen Sprache, ohne Formel, und höre, ob er antwortet.

Beide Stimmen sind im selben Mund. Aber sie kommen in unterschiedlichen Momenten zu uns.

(Und manchmal merkt man erst Jahre später, welche Stimme einem damals begegnet ist.)

Was bleibt

Wajedaber und wajomer sind nicht Stilvarianten. Sie sind zwei Sprachen Gottes. Eine, die strukturiert. Eine, die berührt.

Die Tora ist beide.

Wir sind beide.

Lass beide leben.

Wie geht es dir damit – welche der beiden Stimmen begegnet dir gerade häufiger, das wajedaber oder das wajomer? Was geht dir dazu durch den Kopf? Schreib es gern unten in die Kommentare.


Wer nur eine Stimme hört, hört noch nicht ganz.

Micha Levzion

Micha Levzion

Micha lebt mit seiner Frau und sieben Kindern in Israel und schreibt auf diesem Blog über die Bibel, das Land und den Glauben. Er liebt es, tief in die Texte zu gehen – und das Entdeckte so aufzubereiten, dass es herausfordert, überrascht und mitten ins Leben trifft.

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Deine Gedanken

Welche der beiden Stimmen begegnet dir gerade häufiger – die strukturierende oder die berührende? Schreib mir gern, was dich dazu bewegt.