Wer schreibt schon über Assyrien? Die verborgene Geschichte hinter Jona und Ninive

Es gibt Kapitel in der Tora, die fast jeder überblättert.

Das zehnte Kapitel im ersten Buch Mose ist so eines. Eine lange Liste von Namen, die Nachkommen der Söhne Noachs, Völker, Länder, Städte. Gleich danach kommt der Turmbau zu Babel, und man neigt dazu, beim Lesen direkt dorthin zu springen.

Doch mitten in dieser Liste steht ein interessanter Halbsatz, den ich bisher nie richtig beachtet habe:

„Aus jenem Land zog Aschur aus und baute Ninive und Rechobot-Ir und Kelach und Resen zwischen Ninive und Kelach; das ist die große Stadt."
(1.Mo 10,11–12)

Wer schreibt schon über Assyrien? Die verborgene Geschichte hinter Jona und Ninive

Aschur zog aus. Interessant. Denn Aschur ist ein anderer Name für Assyrien.

Und heute dachte ich mir: Wer schreibt schon einen Artikel über Assyrien? Warum nicht ich?

In den letzten Wochen haben wir zweimal über Assur gelesen. Am Schabbat Schuwa (der Schabbat vor Jom Kippur) stand in der Haftara der Satz „Assur wird uns nicht retten" (Hos 14,4). Und an Jom Kippur haben wir das ganze Buch Jona gelesen, die Geschichte von Ninive, der großen Stadt.

Dieser eine Halbsatz aus der Paraschah Noach ist der Anfang eines Fadens, der sich durch die ganze Bibel zieht. Er führt zu einem Propheten, der lieber ins Meer springt, als nach Ninive zu gehen. Zu einem Weltreich, das Gott „die Rute meines Zorns" nennt. Zu einer Nacht vor den Mauern Jerusalems. Und am Ende zu einer Prophezeiung, die kaum jemand kennt.

Ein Mann verlässt Babel

Schauen wir zuerst, wo dieser Halbsatz steht.

Unmittelbar davor erzählt die Tora von Nimrod: „Und Kusch zeugte Nimrod; dieser begann, ein Gewaltiger auf der Erde zu sein. Er war ein gewaltiger Jäger vor dem Ewigen … Und der Anfang seines Königreichs war Babel und Erech und Akkad und Kalne im Land Schinar." (1.Mo 10,8–10)

Nimrod herrscht in Babel. Und Babel ist der Ort, an dem die Menschen bald sagen werden: „Wohlan, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis in den Himmel reicht, und lasst uns einen Namen machen." (1.Mo 11,4)

Und dann heißt es: „Aus jenem Land zog Aschur aus."

Aschur ist ein Sohn Schems (1.Mo 10,22), Nimrod ein Nachkomme Chams. Warum erzählt uns die Tora mitten in Nimrods Geschichte, dass einer weggegangen ist?

Der Midrasch (Bereschit Rabba 37,4), und mit ihm Raschi, liest das Wort „Land" hier im Sinn von „Plan". Aus jenem Plan zog Aschur aus. Als er sah, dass seine Söhne Nimrod folgten und sich aufmachten, gegen Gott einen Turm zu bauen, wandte er sich ab und ging.

Vier Städte für einen Ausstieg

Der Midrasch erzählt weiter. Gott sagt zu Aschur: „Du bist aus vier Orten ausgezogen. Bei deinem Leben, ich vergelte es dir und gebe dir vier."

Und dann zählt die Tora tatsächlich vier Städte auf, die Aschur baut: Ninive, Rechobot-Ir, Kelach und Resen.

Die erste davon ist Ninive.

Und jetzt muss man genau hinsehen.

Über diese Städte heißt es: „Das ist die große Stadt." Der Talmud (Joma 10a) fragt, welche gemeint ist. Resen? Ninive? Er entscheidet mit einem Vers aus dem Buch Jona: „Ninive war eine große Stadt vor Gott" (Jona 3,3). Raschi übernimmt das.

Damit hängt die Völkertafel ausdrücklich am Buch Jona.

Ich frage mich, ob in diesem einen Schritt aus Babel heraus nicht so etwas wie ein Grundsegen lag. Die Flucht vor der Rebellion und der großen Sünde. Ein Segen, der über Generationen hinweg einem ganzen Volk eine herausgehobene Rolle gegeben hat. Für mich macht das durchaus Sinn. Denn schau, was später geschieht:

Ninive ist die einzige Stadt der Völker, zu der Gott einen Propheten Israels schickt, um sie zur Umkehr zu rufen. Radak bemerkt, dass es unter den Prophetenbüchern kein anderes Buch wie dieses gibt. Es handelt ganz von einer nichtjüdischen Stadt und erwähnt Israel nicht einmal.

Ibn Esra geht noch weiter. „Eine große Stadt vor Gott" bedeutet für ihn, dass die Menschen in Ninive von alters her Gott fürchteten und erst in den Tagen Jonas begannen, Böses zu tun. Wären sie nicht ursprünglich Menschen Gottes gewesen, hätte Gott ihnen keinen Propheten geschickt.

Vielleicht schon seit SEHR langer Zeit? Seit den Tagen des Mannes, der Babel verließ?

Das ist meine eigene Verbindung, keine allgemeine Lehre. Aber sie liegt nahe. Eine einzige richtige Entscheidung, und sie trägt Frucht bis in eine Zeit, in der sich an den Gründer wohl längst keiner mehr erinnerte.

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Die Taube

Und hier fällt noch etwas auf:

Der Prophet, den Gott nach Ninive schickt, heißt Jona, auf Hebräisch jona (יוֹנָה). Das bedeutet „Taube".

In derselben Paraschah, nur zwei Kapitel vor Aschur, schickt Noach eine Taube aus der Arche: „Und er ließ die Taube von sich hinaus, um zu sehen, ob die Wasser von der Fläche des Erdbodens abgenommen hätten." (1.Mo 8,8) Es ist dasselbe Wort, ha-jona. Die Taube kehrt zurück, mit einem Ölblatt im Schnabel, dem Zeichen, dass das Gericht vorüber ist und das Leben wieder beginnen kann.

Generationen später schickt Gott eine zweite Taube aus, diesmal einen Menschen, in die Stadt, die Aschur gebaut hat. Auch diese Taube soll ein Zeichen bringen, dass das Gericht nicht kommen muss.

Und dann, aufgepasst, taucht die Taube noch einmal auf, beim Propheten Hosea, und zwar ausgerechnet im Zusammenhang mit Assur: „Efraim ist wie eine törichte Taube, ohne Verstand; Ägypten rufen sie an, nach Assur gehen sie." (Hos 7,11)

Drei Tauben. Eine fliegt aus der Arche. Eine wird nach Ninive geschickt. Und eine fliegt töricht nach Assur, wo sie keinen Schutz finden wird.

Warum Jona floh

Jona will nicht nach Ninive. Er steht auf und flieht nach Tarschisch, in die entgegengesetzte Richtung.

Aber kann man vor Gott fliehen? Die Mechilta (zu 2.Mo 12,1) stellt genau diese Frage und antwortet: Jona wollte nicht vor Gott fliehen, das wusste er besser. Er wollte ins Ausland, an einen Ort, an dem sich die Gegenwart Gottes nicht offenbart, damit die Prophetie ihn dort nicht mehr erreicht. Und sein Grund war: „Die Völker sind der Umkehr nahe." Wenn Ninive auf ein einziges Wort hin umkehrt, und Israel trotz so vieler Propheten nicht, dann steht Israel schuldig da.

Jona flieht also aus Sorge um sein eigenes Volk.

Abarbanel geht noch einen Schritt weiter, und hier wird es ernst. Jona, sagt er, wusste, dass Assur Israel in Zukunft Böses antun würde. Deshalb widerstrebte es ihm zutiefst, ausgerechnet Ninive zu helfen, der Hauptstadt des Reiches Assur. Und Abarbanel beschreibt die Lage in den Tagen Jonas: In Israel herrschte schon damals die Angst, dass der König von Assur kommen und das Nordreich zerstören würde. Diese Angst saß, so Abarbanel, in den Herzen der Weisen Israels, und sie bestimmte auch Jonas Handeln.

Ob Jona es aus der Lage seiner Zeit ahnte oder ob er es prophetisch sah, beides ist möglich. Vielleicht beides zugleich. Ein Prophet sieht, was andere nur fürchten.

Und dann sagt Abarbanel etwas, das einem den Atem nimmt. Gott hat Ninive nicht deshalb gerettet, weil er diese Stadt besonders liebte. Er rettete sie, damit sie erhalten blieb für die Aufgabe, die ihr bevorstand: Als Werkzeug seines Gerichts über das Nordreich Israel. Abarbanel zitiert dafür den Vers, um den es gleich gehen wird: „Assur, Rute meines Zorns."

Wenn das stimmt, dann wusste Jona genau, was er tat, als er floh. Er sollte die Stadt retten, die sein eigenes Volk eines Tages ins Exil führen würde.

Und Gott schickt ihn trotzdem. Mit Sturm, Fisch und allem. Am Ende des Buches steht Gottes Frage an Jona: „Und ich sollte mich nicht erbarmen über Ninive, die große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken unterscheiden können, und dazu viel Vieh?" (Jona 4,11)

(Viel Vieh. Wie in der Arche.)

Die Rute in Gottes Hand

Einige Jahrzehnte später ist aus Ninive das Zentrum eines Weltreichs geworden. Assur erobert Land um Land. Und der Prophet Jesaja hört Gottes Wort darüber:

„Wehe, Assur, Rute meines Zorns, und der Stock in ihrer Hand ist mein Grimm. Gegen ein ruchloses Volk sende ich ihn."
(Jes 10,5–6)

Assur ist ein Werkzeug. Gott selbst sendet es gegen sein eigenes Volk, weil Israel ihn verlassen hat.

Aber dann kommt die Wendung. „Er aber meint es nicht so, und sein Herz denkt nicht so; denn zu vernichten ist in seinem Herzen." (Jes 10,7) Assur prahlt: „Mit der Kraft meiner Hand habe ich es getan, und mit meiner Weisheit, denn ich bin klug." (Jes 10,13) Und Jesaja antwortet mit einem Bild, das man nicht vergisst: „Rühmt sich etwa die Axt gegen den, der mit ihr hackt?" (Jes 10,15)

Auch ein Werkzeug Gottes bleibt für sein Herz verantwortlich. Es ist eine Sache, gebraucht zu werden. Es ist eine ganz andere, sich dabei selbst groß zu machen.

Und hier schließt sich auch der Midrasch über Aschur. Denn dort heißt es weiter: Später schloss sich Aschur den Feinden Israels an, und Gott sagte zu ihm: „Gestern ein Küken, und jetzt ein Ei?" Gestern noch einer, der flügge geworden war und aus Babel wegflog. Heute wieder zurückgekrochen in die Schale. Der Midrasch belegt das mit einem Psalm: „Auch Assur hat sich ihnen angeschlossen; sie wurden zum Arm für die Söhne Lots." (Ps 83,9)

Der Grundsegen war da. Aber ein Segen ist kein Freibrief. Jede Generation entscheidet neu, ob sie aus Babel auszieht oder wieder hineingeht.

Die Nacht vor der Mauer

Im Jahr 701 vor der Zeitrechnung steht Sanherib, der König von Assur, vor Jerusalem. Das Nordreich ist bereits gefallen, die zehn Stämme sind verschleppt. Die Städte Judas sind eingenommen. Jerusalem ist die letzte.

Was dann geschah, erzählt der Tanach in wenigen Worten: „Und es geschah in jener Nacht, da ging der Engel des Ewigen aus und schlug im Lager Assurs hundertfünfundachtzigtausend. Und als man sich am Morgen früh aufmachte, siehe, da waren sie alle tote Leichen." (2.Kön 19,35)

Interessant ist, was Sanherib selbst darüber schreiben ließ. In seinen Inschriften, die man in Ninive gefunden hat, rühmt er sich, er habe König Chiskija in Jerusalem eingeschlossen „wie einen Vogel im Käfig". Von einer Eroberung Jerusalems steht dort kein Wort.


Übrigens: Genau in diesem Sommer 701 beginnt mein neuer Hörroman „Die Scherben von Anatot". Ein elfjähriger Junge aus Anatot flieht mit seiner Familie vor dem Heer Assurs nach Jerusalem, steht in jener Nacht auf der Mauer und sieht am Morgen, was geschehen ist. Hier ist der Trailer (bald erscheinen auf YouTube die ersten Kapitel zum Anhören!):

Mit dem Klick wird das Video von YouTube geladen. Dabei werden Daten an YouTube übertragen.

Zurück nach Ararat

Wie endet Sanherib?

„Da brach Sanherib, der König von Assur, auf und zog ab und kehrte zurück und blieb in Ninive. Und es geschah, als er im Haus seines Gottes Nisroch anbetete, da erschlugen ihn Adrammelech und Sarezer, seine Söhne, mit dem Schwert; und sie entkamen in das Land Ararat."
(2.Kön 19,36–37)

Er stirbt in Ninive, in der Stadt, die sein Vorfahr Aschur gebaut hatte, als er aus Babel auszog.

Und seine Mörder fliehen ins Land Ararat.

Ararat. Das ist der Ort, an dem unsere Paraschah die Arche zur Ruhe kommen lässt: „Und die Arche ruhte im siebten Monat, am siebzehnten Tag des Monats, auf den Bergen Ararat." (1.Mo 8,4)

Der Faden, der in der Paraschah Noach mit einem Halbsatz begonnen hat, endet genau dort, wo die Arche gelandet ist. (Zufall?)

Die Lehrer Hillels

Man könnte meinen, damit sei die Geschichte Assurs zu Ende. Ein Reich, das zum Werkzeug wurde, sich überhob und fiel. Der Prophet Nachum besingt den Untergang Ninives, und von der großen Stadt bleiben nur Hügel.

Aber der Talmud erzählt noch etwas, und das ist für mich die eigentliche Überraschung dieser ganzen Geschichte.

„Von den Nachkommen Sanheribs lehrten welche Tora in der Öffentlichkeit. Wer waren sie? Schemaja und Awtaljon."
(Sanhedrin 96b; ebenso Gittin 57b)

Schemaja und Awtaljon waren die Lehrer Hillels. Des Hillel, der einem Fragenden die ganze Tora erklärte, während der auf einem Bein stand (Schabbat 31a).

Aus dem Haus des Mannes, der Jerusalem vernichten wollte, kommen die Lehrer des größten Toralehrers seiner Zeit.

Ich kann nicht anders, als darin noch einmal den Mann zu sehen, der aus Babel wegging. Als hätte der alte Same in einer späten Generation wieder getrieben. Klar, auch das ist meine persönliche Auslegung. Aber es passt einfach so schön zusammen.

Eine Straße von Ägypten nach Assur

Und dann ist da noch der Vers, mit dem Jesaja den Faden zu Ende führt. Er steht im neunzehnten Kapitel:

„An jenem Tag wird eine Straße sein von Ägypten nach Assur, und Assur wird nach Ägypten kommen und Ägypten nach Assur, und Ägypten wird mit Assur dienen. An jenem Tag wird Israel der Dritte sein mit Ägypten und mit Assur, ein Segen inmitten der Erde, weil der Ewige der Heerscharen es segnet und spricht: Gesegnet sei mein Volk Ägypten und das Werk meiner Hände, Assur, und mein Erbe, Israel."
(Jes 19,23–25)

Ägypten und Assur. Die beiden Weltreiche, die Israel am schwersten getroffen haben. Das eine hat es versklavt, das andere hat zehn Stämme ins Exil geführt.

Und am Ende nennt Gott Assur „das Werk meiner Hände".

Irgendwie verrückt, oder?

Und die zehn Stämme, die Assur verschleppt hat?

Auch für sie hat Jesaja ein Wort: „Und es wird geschehen an jenem Tag, da wird in ein großes Schofar gestoßen, und es kommen die Verlorenen im Land Assur (!) und die Versprengten im Land Ägypten, und sie werfen sich nieder vor dem Ewigen auf dem heiligen Berg in Jerusalem." (Jes 27,13)

Was bleibt

Am Anfang steht ein Mann, der sieht, wohin die Menge läuft, und nicht mitläuft. Er verlässt Babel. Nicht mit einem großen Auftritt, die Tora widmet ihm einen halben Satz.

Und dieser halbe Satz trägt über Jahrhunderte. Eine Stadt, die Gott fürchtet. Ein Prophet, der zu ihr geschickt wird. Ein Volk, das Gott in seiner Hand gebraucht und das er am Ende „das Werk meiner Hände" nennt.

Aber derselbe Faden zeigt auch, wie schnell ein Segen verspielt werden kann. Ninive kehrt um und fällt wieder zurück. Assur wird Gottes Werkzeug und hält sich für den, der hackt. Aus dem Küken wird wieder ein Ei.

Ich glaube, die Tora erzählt uns diesen Halbsatz auch wegen der Babels in unserem eigenen Leben. Die Runde, in der über jemanden hergezogen wird. Das Projekt, bei dem alle wissen, dass es nicht sauber ist, und alle machen mit. Der Plan, sich „einen Namen zu machen", koste es, was es wolle.

Aufstehen und gehen ist selten spektakulär. Meistens merkt es kaum jemand.

Aber vielleicht liegt in diesem einen stillen Schritt ein Segen, der noch deine Urenkel trägt.

Eine einzige richtige Entscheidung kann Generationen tragen. Halten muss sie trotzdem jede Generation selbst.

Gibt es in deinem Leben gerade ein Babel, aus dem du ausziehen solltest?

Schalom,
Micha

Bibelzitate aus der Tora in eigener Übersetzung: „Or Tora – Die fünf Bücher Mose", © Schalom Israel. Zitate aus den Propheten und Schriften in eigener Übersetzung aus dem Hebräischen.

Micha Levzion

Micha lebt mit seiner Frau und sieben Kindern in Israel und schreibt auf diesem Blog über die Bibel, das Land und den Glauben. Er liebt es, tief in die Texte zu gehen – und das Entdeckte so aufzubereiten, dass es herausfordert, überrascht und mitten ins Leben trifft.

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