Ein verlorener Bruder: Warum diese zehn biblischen Namen viel mehr sagen, als man denkt

von Micha Levzion  ·  0 Kommentare  ·  Lesezeit: Minuten

Es gibt Menschen, die tragen ihre Trauer nicht auf der Stirn. Keine großen Reden, kein dramatischer Ausbruch. Aber wenn du hinschaust, merkst du: Da ist etwas, das tief sitzt. Etwas, das nicht verschwindet, nur weil es niemand laut ausspricht.

Und wir wissen wahrscheinlich alle: Gesund ist das nicht.

Es ist wichtig, seine Trauer zu verarbeiten und ihr irgendwie Ausdruck zu verschaffen.

So wie Benjamin, dem jüngsten Sohn Jakobs. Er verlor seinen einzigen richtigen Bruder, Josef, als er noch sehr jung war (Josef und Benjamin waren die einzigen Kinder von Rachel). Josef wurde unter tragischen Umständen verkauft, verschwand in Ägypten, war weg, vielleicht bevor Benjamin ihn wirklich kennen konnte. Und doch (oder gerade deshalb) scheint Josef derjenige gewesen zu sein, der Benjamins Herz nie verlassen hat.

Wie ist Benjamin mit diesem Verlust und dieser Trauer umgegangen? Wie konnte er dies verarbeiten?

Hinweise dazu finden wir an einer sehr ungewöhnlichen Stelle. Nämlich in einer Namensliste. Zehn Söhne hat Benjamin. Zehn Namen. (1. Mose 46,21)

Man könnte darüber hinweglesen – „ah ja, Stammbäume“ –, aber in jüdischen Auslegungen finden wir hier einen Hinweise: Halt. Schau genau hin. Diese Namen sind kein Zufall. Sie sind Erinnerung. Sie sind wie ein Ausdruck eines Mannes, der sein Bruder nie vergessen hat.

Zehn Söhne – zehn Namen

In jüdischen Schriften wird angedeutet: Benjamin hat seine zehn Söhne nach Josef benannt. Nicht eins zu eins, sondern symbolisch. Jeder Name enthält ein Stück von Josef – von dem, was er war, was verloren ging, was in Benjamins Erinnerung blieb.

Spannend, oder?

Benjamin trauert und er verdrängt nicht. Er macht aus seiner Enttäuschung über den Verlust etwas Neues: Er gründet eine Familie, aber er tut es so, dass Josef in ihr weiterlebt.

Jeder Name als Mini-Erinnerung

Wenn man sich die Namen wirklich anschaut, merkt man schnell: Das ist keine zufällige Liste. Es ist wie eine Sammlung kleiner Gedenksteine. Jeder Name sagt etwas. Jeder erinnert an einen anderen Aspekt von Josef. Manchmal ganz offensichtlich, und manchmal nur in einem hebräischen Wortspiel:

Bela (בֶּלַע) zum Beispiel – das heißt so viel wie „verschlingen“ oder „verschlucken“. Als wäre Josef von der Welt verschluckt worden. Weg. Unerreichbar. Unsichtbar. Genau das, was Benjamin erlebt hat.

Dann Becher (בֶּכֶר) – das klingt nach „Bechor“, dem Erstgeborenen. Josef war der Erstgeborene von Rachel, der geliebten Mutter. Für Benjamin also der älteste Bruder.

Ashbel (אַשְׁבֵּל) ist sprachlich weniger klar, aber die rabbinische Deutung hört darin eine Andeutung auf „Gefangenschaft“ – „ששבאו אל“ –, dass Josef gefangen wurde, entführt, weggebracht. Als wäre der Name selbst schon eine Nacherzählung des Verlusts.

Gera (גֵּרָא) erinnert an „ger“ – den Fremden. Josef, der in Ägypten als Fremder lebte, ohne Heimat, ohne Familie, allein.

Naaman (נַעֲמָן) ist ein schöner Name – er bedeutet „angenehm, lieblich“. Die Weisen sagen: Josef war ein „נעים ביותר“, ein ganz besonders angenehmer Mensch, voller Anmut und Güte.

Dann kommt der direkteste von allen: Echi (אֵחִי) – „mein Bruder“. Da braucht es keine Deutung. Benjamin sagt es klar: Josef war mein Bruder. Und das ist Grund genug für alles.

Rosh (רֹאשׁ) heißt „Kopf“, „Haupt“. Die Deutung: Josef war „mein Haupt“ – eine Leitfigur. Derjenige, auf den alle schauten – und auf den Benjamin stolz war. Josefs Träume verhinderten sicherlich diese Stellung gegenüber seinen Brüdern. Doch später als Herrscher über Ägypten erhielt er schließlich diese Rolle.

Dann gibt es zwei Namen, die fast wie ein Paar daherkommen: Muppim (מֻפִּים) und Chuppim (חֻפִּים).

Muppim klingt nach „מפי אביו“ – „aus dem Mund seines Vaters“: Josef war der, der direkt von Jakob lernte, sein besonderes Kind.

Chuppim erinnert an die „Chuppah“, den Hochzeitsbaldachin. Die Weisen sagen: Josef erlebte Benjamins Hochzeit nicht. Und umgekehrt erlebte Benjamin Josefs Hochzeit nicht. Zwei Brüder – getrennt an den wichtigsten Tagen ihres Lebens.

Und zum Schluss: Ard (אָרְדְּ) – von „ירד“, hinabsteigen. Josef stieg hinab: IIn die Grube, nach Ägypten, in die Fremde. Aber es gibt auch eine andere Deutung: Manche sagen, Ard erinnere an „Rose“ (vered). Denn Josefs Angesicht war schön wie eine Rose. Eine Erinnerung, die nicht nur schmerzt, sondern leuchtet.

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Was Benjamin uns beibringt: Erinnern ≠ Festhalten

Was ich an dieser Geschichte so besonders finde: Benjamin bleibt nicht in der Vergangenheit stecken. Er lebt weiter. Er heiratet, er bekommt Kinder, er baut sein Leben.

Aber er tut es nicht, indem er alles, was war, ausblendet. Sondern indem er es mitnimmt.

Josef verschwindet nicht einfach aus seinem Herzen, nur weil das Leben weitergeht.

Das ist eine kraftvolle Form von Trauer: Nicht verdrängen oder vergessen. Er verwandelt sie. Und interessanterweise sogar in Namen von Babys: In neues Leben.

Stell dir es im praktischen Leben vor: Benjamin spricht nicht ständig über Josef. Aber er ruft seine Kinder bei Namen. Und jedes einzelne Mal, wenn er das tut, klingt die Erinnerung (und Hoffnung?) an Josef mit.

So wird der Schmerz nicht zur Narbe, sondern wir Stück für Stück verarbeitet: Josef ist nicht da, aber Gott hat mich mit wunderbaren Söhnen getröstet.

Erinnerungskultur

Wir leben heute in einer Welt, in der man schnell „abschließen“ soll. Weitermachen. Nicht zu lange bei etwas bleiben. Vor allem wenn es weh tut.

Erinnern wird da schnell mit Festhalten oder Stillstand verwechselt. Als würde man nicht loslassen können, wenn man nicht vergisst.

Aber hier erleben wir eine ganz andere Haltung zur Erinnerung.

Erinnern ist keine Schwäche. Es ist eine Form von Treue.

Und so können wir Erinnerungen Ausdruck verleihen, indem wir Namen geben, Lichter anzünden, Geschichten erzählen,…

Benjamin hat das intuitiv verstanden. Seine zehn Namen sind keine Weigerung, nach vorne zu schauen – sie sind sein Weg nach vorne. Und Josef geht mit.

Und du?

Vielleicht hast du in deinem Leben auch jemanden oder etwas verloren.

Vielleicht nicht durch Tod, vielleicht durch Entfernung. Oder durch Zeit. Oder durch etwas, das nie geklärt wurde.

Und vielleicht fragst du dich: Wie kann ich damit leben, ohne es zu verdrängen?

Vielleicht ist eine Möglichkeit es nicht vergessen zu wollen, sondern es Ausdruck zu geben, um es zu verarbeiten.

Ich erinnere mich so gut daran, wie ich vor vielen Jahren einen Schmerz über eine Person in mir spürte. Und ein Freund, der in diesem Moment bei mir war und mir helfen wollte, nahm ein einfaches Blatt, das im Gras lag, legte es vor mich und sagte: Stell dir vor, das ist diese Person. Was würdest du ihr sagen?

Für mich war es eine riesige Überwindung (obwohl es nur ein Blatt war!). Doch es half sehr, dem Schmerz Ausdruck zu verleihen und in Worte zu fassen.

Es gibt viele Formen, wie wir Verlust, Schmerz oder Leid ausdrücken können: Worte, Lieder, Orte, Rituale, kleine Gesten.

Und dieses Stehenbleiben, kann manchmal nötig sein, um überhaupt weitergehen zu können.

Nicht vergessen – und trotzdem weitergehen

Benjamin hat nicht in der Vergangenheit gelebt. Aber er hat sie auch nicht ausgelöscht.

Er hat Josef in die Zukunft mitgenommen. Nicht als Last oder als Trauer-Rucksack, den er ständig mit sich schleppte. Sondern als Teil von sich selbst.

Ist das nicht eine schöne Form von Stärke? Nicht zu vergessen. Und trotzdem weiterzugehen.

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Micha Levzion schreibt aus Israel für Menschen, die tiefer verstehen wollen, ohne sich mit Schlagworten zufriedenzugeben. In „Schalom Israel“ verbindet er Bibeltexte, Einblicke aus dem Land und persönliche Beobachtungen zu Gedanken, die im Kopf bleiben und im Alltag weiterarbeiten dürfen.

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