Was ein verendetes Tier über die Ordnung der Völker verrät

Ein Leser stößt in der Parascha Re'eh auf einen Satz, und stutzt.

Es geht ums Essen, um ein Tier, das von selbst verendet ist. Und dann steht da:

„Kein Aas sollt ihr essen; dem Fremdling, der in deinen Toren wohnt, magst du es geben, dass er es esse, oder verkaufe es an einen Ausländer. Denn ein heiliges Volk bist du dem Ewigen, deinem Gott."
(5.Mo 14,21)

Der Israelit darf es nicht essen. Der Fremdling schon.

Was ein verendetes Tier über die Ordnung der Völker verrät

Und hier hakt es. Denn nur ein paar Kapitel vorher, und an vielen anderen Stellen, klingt es genau umgekehrt: „ein Gesetz für den Einheimischen und den Fremdling". Gleiches Recht. Gleiche Regel.

Wie kann es sein, dass für den Fremdling dasselbe gilt wie für dich, und er trotzdem essen darf, was dir verboten ist?

Wer die Bibel nur auf Deutsch liest, kommt an dieser Stelle ins Rutschen.

Und wer von außen zuschaut, sieht nur einen Widerspruch.

Dabei ist es gar keiner.

Lass uns genau hinschauen.

Fünf Wörter, ein deutsches Missverständnis

Das deutsche „Fremder" ist ein einziges Wort. Das Hebräische hat für dieselbe Sache mindestens fünf, und jedes meint etwas anderes.

Da ist der ger (גֵּר), von der Wurzel „weilen, sich niederlassen". Das ist der Fremde, der bei dir bleibt, der unter dir wohnt, der dazugehört, ohne von Anfang an dazuzugehören.

Da ist der toshav (תּוֹשָׁב), von „sitzen", der Beisasse, der sich angesiedelt hat.

Da ist der nochri (נָכְרִי), von „fremd, andersartig sein". Das ist der Auswärtige, der Durchreisende, der nicht dazugehört und nicht dazugehören will.

Da ist der ben-nechar (בֶּן־נֵכָר), der Fremdstämmige.

Und da ist der zar (זָר), der Unbefugte, der Außenstehende. Im Zusammenhang der Priester ist der zar schlicht der Nicht-Priester (3.Mo 22,10).

Und jetzt schau noch einmal auf unseren Vers. Dort stehen zwei dieser Wörter nebeneinander, mit zwei verschiedenen Verben. Dem ger wird das Aas gegeben, dem nochri wird es verkauft. Zwei verschiedene Menschen, zwei verschiedene Beziehungen, in einem einzigen Satz. Im Deutschen ist der Unterschied zwischen diesen „Fremden" nicht zu erkennen.

(Und das ist keine Kleinigkeit. Ein großer Teil der Verwirrung über die Tora entsteht nicht am Text, sondern an der Übersetzung.)

Ein Widerspruch, den die Tora selbst stehen lässt

Jetzt kommt die eigentliche Beobachtung. Und sie ist so schön, weil man für sie keine gelehrte Auslegung braucht, sondern nur zwei Verse im selben Werk.

Unser Vers sagt: Gib das Aas dem ger, dass er es esse. Er darf.

Und im dritten Buch Mose steht aber:

„Und jede Seele, die Gefallenes oder Zerrissenes isst, sei sie ein Einheimischer oder ein Fremdling, soll ihre Kleider waschen und sich im Wasser baden, und sie ist unrein bis zum Abend."
(3.Mo 17,15)

Hier soll der ger das Aas gerade nicht essen!

Tut er es doch, wird er unrein, genau wie der Israelit.

Zwei Verse.

Zweimal dasselbe Wort ger.

Einmal darf er, einmal darf er nicht.

Wäre in beiden Fällen dieselbe Person gemeint, würde sich die Tora im selben Atemzug widersprechen.

Also kann nicht dieselbe Person gemeint sein.

Das eine Wort trägt also zwei Rollen. Und der Text selbst zwingt uns, sie auseinanderzuhalten.

Merken wir uns das gut: Die Unterscheidung, die gleich alles klären wird, ist keine spätere Erfindung. Sie liegt im Text.

(Die jüdische Überlieferung hat den beiden Rollen später eigene Namen gegeben. Und schon daran sieht man etwas Grundsätzliches: Die Tora benutzt ein Wort für zwei Dinge und benennt die Trennung nicht selbst. Sie setzt einen Auslegungszusammenhang voraus, eine begleitende mündliche Tradition, wie an vielen anderen Stellen auch. Nicht gegen den Text, sondern als seine notwendige Ergänzung.)

Drei Rollen

Wer sind sie also, die Menschen um Israel herum?

Prinzipiell unterscheiden wir dabei drei Rollen.

Der erste ist der Einheimische, der ezrach (אֶזְרָח). Also der Israelit. Er steht im vollen Bund. Für ihn gilt alles.

Der zweite ist der Fremdling, der beitritt. Er kommt von außen, aber er schließt sich ganz an. Und – Achtung – in dem Moment dieses Beitritts wird er wie ein Einheimischer. Die Tora sagt es beim Pessach mit klaren Worten:

„Und wenn ein Fremdling bei dir wohnt und dem Ewigen das Pessach halten will, so werde ihm alles Männliche beschnitten; dann darf er herzutreten, es zu halten, und er sei wie ein Einheimischer des Landes. Kein Unbeschnittener aber darf davon essen."
(2.Mo 12,48; eigene Übersetzung)

„Wie ein Einheimischer des Landes." Wer beitritt, für den gilt fortan alles, was für den Geborenen gilt. Für diesen Fremdling, der sich ganz anschließt, kennt die Überlieferung einen eigenen Namen: ger tzedek (גֵּר צֶדֶק), „der gerechte Fremdling". Auf ihn kommen wir am Ende noch einmal zurück.

Wir sehen es auch beim Auszug aus Ägypten, als „eine gemischte Menge", ein erev rav (עֵרֶב רַב), mit Israel hinaufzog (2.Mo 12,38). Menschen, die sich angeschlossen hatten. Die Pessach-Gesetze über den Fremdling regeln in Echtzeit genau diese Leute. Der Beitritt wurde damals also nicht als Plan für die Zukunft eingeführt, sondern am lebenden Fall.

Der dritte ist der Fremdling, der einfach mitwohnt. Er lebt im Land, unter Israel, aber er tritt nicht in den vollen Bund ein. Abraham selbst nennt sich einmal so: „Ein Fremder und Beisasse bin ich bei euch" (1.Mo 23,4).

Aus diesem Grund sprechen wir hier von einem ger toshav (גֵּר תּוֹשָׁב), einem „ansässigen Fremdling", einem Beisassen.

Und für diesen Dritten steht die eigentliche Frage im Raum. Er darf bleiben. Aber unter welchen Bedingungen?

Welche Regeln gelten für ihn?

Die Tora nennt diese Regeln zwar nicht explizit zum Runterlesen. Doch verstreut, und sehr deutlich, lassen sie sich erkennen. Kein Blut essen (3.Mo 17). Keine der sexuellen Gräuel (3.Mo 18,26). Kein Götzendienst, keine Gotteslästerung (3.Mo 20,2; 24,16). Ruhe am Schabbat und am Versöhnungstag, im Haushalt (5.Mo 5,14; 3.Mo 16,29). Kein Sauerteig im Haus zu Pessach (2.Mo 12,19).

Aber Aas darf er zum Beispiel (wie oben gesehen) essen (5.Mo 14,21). Das heißt, an die vollen Speisegesetze ist er nicht gebunden.

Man merkt schon: Das ist kein kleiner Rest. Kein Blut, keine Unzucht, kein Götzendienst, kein Unrecht, das sind keine Nebensächlichkeiten. Es ist das Fundament, auf dem menschliches Leben überhaupt ruht. Und genau diese Regeln öffnen die Tür zur eigentlichen Einsicht.

Kostenlos

7 übersehene Bibelverse mit gewaltiger Wirkung in deinem Alltag

Mutige Worte, die dir erlauben, anders zu leben, als alle es von dir erwarten.

Ja, ich möchte die 7 Verse sehen

Zwei Kreise – und die Grenze läuft mitten durchs Essen

Stell dir zwei Kreise vor.

Der äußere Kreis ist die Moral, die für jeden Menschen gilt, ob geboren oder zugezogen. Der innere Kreis sind Israels eigene Zeichen: der Schabbat als Zeichen zwischen Gott und diesem Volk (2.Mo 31,13.17), die Speisegesetze, die Beschneidung als Bundeszeichen, die Feste.

Das Aas-Verbot gehört in den inneren Kreis. Der Vers sagt es selbst, gleich im Anschluss: „Denn ein heiliges Volk bist du" – am kadosch (עַם קָדוֹשׁ). Nicht Moral, sondern Heiligung. Nicht „das ist böse", sondern „du bist ausgesondert". Deshalb darf der mitwohnende Fremde essen, was dem Israeliten verwehrt ist. Es ist keine Frage von Gut und Böse. Es ist eine Frage der Absonderung.

Und jetzt kommt der schönste Beweis, denn die Grenze zwischen den beiden Kreisen läuft nicht irgendwo weit draußen. Sie läuft mitten durch das Essen selbst.

Denn eines darf der Fremde eben nicht: Blut.

„Nur Fleisch mit seiner Seele, seinem Blut, sollt ihr nicht essen."
(1.Mo 9,4)

Dieser Satz fällt lange vor Israel, lange vor dem Sinai. Er wird Noach gesagt, nach der Flut, und mit ihm der ganzen Menschheit, die aus ihm hervorgeht. Direkt daneben steht der Satz über das vergossene Menschenblut: „Wer das Blut des Menschen vergießt, dessen Blut soll durch den Menschen vergossen werden; denn im Bilde Gottes hat er den Menschen gemacht" (1.Mo 9,6).

Das Blut steht für das Leben. Und die Achtung vor dem Leben gilt allen Menschen. Deshalb bindet das Blutverbot ausdrücklich auch den mitwohnenden Fremden (3.Mo 17,10-13).

Sieh, wie sauber sich das trennt:

Das Blut, das gilt allen.

Das Aas, das gilt Israel.

Der Fremde darf das eine essen und das andere nicht, und der Grund ist nicht Willkür. Der Grund ist, dass die zwei Gebote aus zwei verschiedenen Kreisen stammen. Sauberer kann man die ganze Ordnung nicht am Text zeigen, oder?

Woran man erkennt, was für alle gilt

Jetzt bleibt eine Frage. Der äußere Kreis, die Moral für alle Menschen: Woher wissen wir eigentlich, was in ihm steht?

Man könnte ihn einfach behaupten.

Man kann ihn aber auch aus dem Tanach ablesen. (Und das ist der ehrlichere Weg.)

Denn der Tanach zeigt uns fortlaufend, wofür Gott die Völker zur Rechenschaft zieht.

Und, genauso wichtig, wofür nicht.

Diese Anklagen machen den äußeren Kreis sichtbar.

Vor dem Sinai

Der stärkste Hinweis kommt ganz am Anfang. Die Flut und Sodom & Gomorra geschehen, bevor Israel überhaupt existiert, bevor am Sinai ein einziges Gebot gegeben wird. Und trotzdem wird gerichtet.

Die Flut kommt, weil „die Erde sich mit Gewalttat füllte", mit chamas (חָמָס, schon mal gehört?), und alles Fleisch seinen Weg verdorben hatte (1.Mo 6,11.13). Nicht wegen fehlender Rituale. Wegen Gewalt.

Und Sodom?

„Das Geschrei über Sodom und Gomorra, es ist groß geworden" (1.Mo 18,20) – ein za'aka, dasselbe Wort wie der Schrei der Unterdrückten.

Und was in jener Nacht geschieht, als die ganze Stadt sich vor Lots Tür drängt, um Gewalt an den Gästen zu tun (1.Mo 19,4-5), zeigt, wie weit es gekommen war.

(Lot bietet der Menge sogar seine Töchter an, und später, in der Höhle, handeln die Töchter, als gäbe es gar keinen anderen Weg mehr. Man muss darin kein Gottesurteil lesen. Aber als Spiegel dessen, was in Sodom längst „normal" geworden war, ist es bitter genug.)

Ein Prophet nennt später Sodoms Schuld beim Namen, und es ist kein Wort über Kult:

„Siehe, dies war die Schuld Sodoms, deiner Schwester: Hochmut, Fülle an Brot und sorglose Ruhe hatte sie und ihre Töchter, aber die Hand des Armen und Bedürftigen stärkte sie nicht. Und sie überhoben sich und taten Gräuel vor mir."
(Hes 16,49-50)

Hochmut. Sattheit. Der Arme, der nicht gestützt wird. Und daraus wächst die Gewalt.

Das ist der äußere Kreis, in Trümmern.

Kanaan, Ägypten, Amalek

Auch die Völker Kanaans werden für konkrete Taten aus dem Land gewiesen, nicht für fehlende Zeichen. Sexuelle Gräuel, Kinder, die im Feuer für die Götter verbrannt werden (5.Mo 12,31), Wahrsagerei und Totenbeschwörung (5.Mo 18,10-12).

Die Tora sagt es selbst mit aller Deutlichkeit:

„Doch wegen der Bosheit dieser Völker vertreibt der Ewige sie vor dir."
(5.Mo 9,4)

Nicht wegen Israels Verdienst. Wegen ihrer Bosheit. Und diese Bosheit hat Zeit gehabt zu reifen: Schon Abraham wird gesagt, das Land warte noch, „denn die Schuld der Emoriter ist bis jetzt noch nicht voll" (1.Mo 15,16).

Ägypten wiederum wird nicht gerichtet, weil es die falschen Riten hatte, sondern weil es ein ganzes Volk versklavte und seine Kinder tötete. Und Amalek, weil er die Schwächsten anfiel: „bei dir alle Schwachen, die hinter dir zurückblieben, niedermachte, während du müde und erschöpft warst; und er fürchtete Gott nicht" (5.Mo 25,18).

„Er fürchtete Gott nicht." Das ist die Anklage. Kein Fremder muss Israels Bund tragen. Aber Gott fürchten, das Leben achten, die Schwachen verschonen: Das schon.

Die Völkersprüche der Propheten

Und dann kommen die Propheten, und über Kapitel hinweg klagen sie ein Volk nach dem anderen an.

Man kann die Vorwürfe fast sortieren, und keiner von ihnen handelt über rituelle Gebote.

Es geht um Blutvergießen und Kriegsgräuel: Aram, das Gilead „mit eisernen Dreschschlitten zerdrischt" (Am 1,3). Ammon, das die Schwangeren aufschlitzt, um sein Gebiet zu vergrößern (Am 1,13). Ninive, die „Blutstadt" (Nah 3,1).

Es geht um Menschenraub, um ganze Bevölkerungen, die deportiert und verkauft werden (Am 1,6.9; Joel 4,6).

Es geht um Bruderverrat: Edom, das den Bruder (Israel!) mit dem Schwert verfolgt und sein Erbarmen erstickt (Am 1,11; Ob 1,10-14).

Es geht um Totenschändung: Moab, das die Gebeine eines Königs zu Kalk verbrennt (Am 2,1).

Und es geht, wieder und wieder, um Hochmut, der sich selbst zum Gott macht. Babel: „Zum Himmel will ich steigen, dem Höchsten gleich machen will ich mich" (Jes 14,13-14). Der Fürst von Tyrus: „Ein Gott bin ich" (Hes 28,2). Pharao über den Nil: „Mir gehört der Strom, ich selbst habe mich gemacht" (Hes 29,3).

Und ja, es geht auch um das Verhalten gegenüber Israel. Ammon, das über das zerstörte Heiligtum frohlockt. Moab, das sagt: „Juda ist wie alle Völker" (Hes 25,8), und damit Israels Erwählung leugnet. Edom, das Rache nimmt. Ägypten, das ein zerbrechender Rohrstab ist, wenn Israel sich auf ihn stützt (Hes 29,6-7).

Lass uns ehrlich sein: Das ist eine lange Liste. Und auf ihr steht kein einziges Mal, dass ein Volk keinen Schabbat hielt, nicht koscher aß, keine Beschneidung, keine Tefillin trug. Kein einziges Mal.

Ein einziges Kapitel beweist es

Am schönsten sieht man es bei einem einzigen Propheten. Amos zählt am Anfang seines Buches acht fremde Völker auf, und jedem wirft er nur solche Dinge vor: Gewalt, Menschenraub, Grausamkeit, Hochmut.

Und dann, in derselben Reihe, im selben Atemzug, kommt er zu Juda. Und plötzlich klingt der Vorwurf ganz anders:

„Wegen drei Freveltaten Judas, ja wegen vier, nehme ich es nicht zurück: weil sie die Lehre des Ewigen verworfen und seine Satzungen nicht gehalten haben."
(Am 2,4)

Die Lehre verworfen. Die Satzungen nicht gehalten. Diesen Vorwurf, den Vorwurf des Bundesbruchs, erhebt der Prophet nur gegen das Bundesvolk. Nie gegen die Völker.

Der innere Kreis wird nur von dem eingefordert, der in ihm steht.

Und damit niemand denkt, der äußere Kreis sei nur „wie behandelst du Israel", steht gleich daneben der Fall Moab: Moab wird gerichtet für ein Verbrechen an Edom (Am 2,1). An einem anderen fremden Volk. Ganz ohne Israel. Der äußere Kreis ist echte, allgemeine Menschlichkeit, kein bloßer Maßstab der Nähe zu Israel.

(Und passend dazu: als Ninive umkehrt, kehrt es genau hier um. „Ein jeder von seinem bösen Weg und von der Gewalt an seinen Händen." Nicht durch Übernahme jüdischer Riten. Durch Umkehr von der Gewalt. Und Gott „sah ihre Taten" – Jona 3,8.10.)

Sammeln wir, was wir gefunden haben

Bevor wir weitergehen, halten wir fest, was in all diesen Stellen tatsächlich verlangt wird. Nicht als System, das jemand ausgedacht hat, sondern als das, wofür Gott die Völker wirklich zur Rechenschaft zieht:

Das ist keine kurze Liste. Und keine davon ist eine Kleinigkeit. Es ist die Grundordnung, ohne die kein Volk und kein Mensch vor Gott bestehen kann.

Auch wer draußen bleibt, bleibt es aus einem Grund

Man könnte meinen, der äußere Kreis sei kalt und hart. Ist er nicht. Schau, wie fein die Tora unterscheidet, sogar bei den Völkern, die auf Abstand bleiben.

Ammon und Moab dürfen nicht in die Gemeinde (5.Mo 23,4). Aber der Grund ist kein ritueller. Er ist zutiefst menschlich:

„Darum, weil sie euch mit Brot und Wasser auf dem Weg nicht entgegenkamen, als ihr aus Ägypten auszogt, und weil er Bileam gegen dich dingte, um dich zu verfluchen."
(5.Mo 23,5)

Verweigerte Gastfreundschaft. Ein gekaufter Fluch. Darum die Distanz.

Und im selben Abschnitt, fast im Gegenlicht:

„Du sollst einen Edomiter nicht verabscheuen, denn er ist dein Bruder. Du sollst einen Ägypter nicht verabscheuen, denn du bist in seinem Land ein Fremdling gewesen."
(5.Mo 23,8)

Ausgerechnet Ägypten, der alte Unterdrücker. Und trotzdem: Verabscheue ihn nicht, denn dort warst du selbst einmal fremd. Selbst dem Feind bleibt ein Rest Dankbarkeit. Und ihre Kinder dürfen in der dritten Generation eintreten (5.Mo 23,9).

Das Kriterium ist immer dasselbe. Nicht Ritus. Sondern wie ein Volk sich verhalten hat.

Gerecht, ohne dazuzugehören

Und jetzt die Kehrseite, die man leicht übersieht. Wenn es einen äußeren Kreis gibt, dann kann ein Mensch in ihm auch gut sein. Man kann vor Gott gerecht sein, ohne Israelit zu sein.

Der Tanach zeigt es an Gesicht um Gesicht.

Da ist Hiob. Er wird nicht als Israelit eingeführt, sondern über ein fremdes Land: „Ein Mann war im Lande Uz, Hiob war sein Name; und dieser Mann war untadelig und aufrecht, gottesfürchtig und das Böse meidend" (Hi 1,1). Tam ve-jaschar (תָּם וְיָשָׁר), untadelig und aufrecht. Über keinen Erzvater steht ein höheres Wort.

Da ist Malkizedek, „König von Schalem", von dem es heißt: „Er war Priester des höchsten Gottes" (1.Mo 14,18). Ein Priester Gottes, und kein Israelit.

Da sind die heidnischen Matrosen auf dem Schiff, die am Ende „den Ewigen fürchteten und ihm Opfer und Gelübde brachten" (Jona 1,16).

Und da ist Ninive, eine ganze Stadt, die umkehrt.

Das müssen wir uns gut merken: Der äußere Kreis ist nicht „Israel gut, Völker böse". Er ist ein echter Raum, in dem ein Mensch Gott finden und gerecht sein kann, auch ohne den Bund Israels zu tragen.

Israel kennt den Fremdling von innen

Und vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum die Tora vom Fremden so unerbittlich zärtlich spricht. Denn Israel kennt ihn. Von innen.

Abraham nennt sich „Fremder und Beisasse" (1.Mo 23,4). Und schon ihm wird gesagt: „Wisse genau, dass deine Nachkommen Fremde sein werden in einem Land, das ihnen nicht gehört" (1.Mo 15,13). Das Volk, das später den Fremden schützen soll, war selbst der Fremde. In Ägypten.

Deshalb steht die Begründung für das Schutzgebot da, wo man sie am wenigsten erwartet, mitten im Gesetz:

„Darum liebt den Fremden, denn Fremde wart ihr im Land Ägypten."
(5.Mo 10,19)

Das Gesetz, das den Fremden vom vollen Bund unterscheidet, ist zugleich das Gesetz, das ihn am zärtlichsten schützt. Unterscheiden und Lieben schließen sich nicht aus. Sie stehen im selben Buch, oft im selben Vers.

Wer sich ganz anschließt: Der ger tzedek

Und jetzt, endlich, zurück zu dem einen, den wir vorhin nur kurz genannt haben. Dem ger tzedek, dem Fremdling, der sich Israel ganz anschließt.

Er bleibt nicht im zweiten Kreis stehen. Er tritt bis ganz nach innen, in den Bund selbst. Und in dem Moment, wir haben es gehört, wird er „wie ein Einheimischer des Landes". Nicht ein halber Israelit. Nicht ein geduldeter Gast. Einer von ihnen, ganz.

Und das ist keine graue Randnotiz der Geschichte. Die Tür stand immer offen, und durch sie sind einige der größten Gestalten gegangen.

Da ist Rut, die Moabiterin. Aus einem Volk, das nicht in die Gemeinde kommen sollte (5.Mo 23,4), und doch bekennt sie: „Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott" (Rut 1,16). Und der Tanach zieht die Linie unerbittlich weiter: Aus Rut kommt Obed, aus Obed Isai, aus Isai David (Rut 4,17-22). Aus der Fremden aus Moab kommt das Königshaus Israels.

(Die jüdische Überlieferung nennt Rut deshalb das Urbild der Beitretenden. Und sie geht noch weiter. Nach dem Talmud war Onkelos, dem die aramäische Übersetzung der Tora zugeschrieben wird, ein Übergetretener aus dem Haus jenes Kaisers, der Jerusalem zerstörte. Und, fast unfassbar, aus den Nachkommen der ärgsten Feinde Israels, aus Haman, aus Sisera, aus Sanherib, sollen Männer hervorgegangen sein, die später die Tora lehrten. Das ist Auslegung, nicht Bibel. Aber sie zeigt, wie weit die Tür in der jüdischen Vorstellung offensteht.)

Merken wir uns das gut: Der innerste Kreis ist nicht durch Herkunft verriegelt. Wer ganz eintreten will, für den ist selbst die dunkelste Abstammung kein Riegel.

Das Land – und ein dritter Kreis

Und jetzt, fast am Ende, kommt das größte Thema von allen dazu. Bisher haben wir von Menschen gesprochen, von Rollen und von Kreisen. Aber es gibt einen Ort, an dem diese Kreise auf eine ganz eigene Weise sichtbar werden.

Das Land Israel.

Das Land Israel ist kein gewöhnlicher Boden. Die Tora sagt es unverblümt. Es gehört nicht einmal wirklich denen, die darauf wohnen:

„Und das Land soll nicht endgültig verkauft werden, denn mir gehört das Land; denn Fremdlinge und Beisassen seid ihr bei mir."
(3.Mo 25,23; eigene Übersetzung)

Fremdlinge und Beisassen, gerim ve-toshavim (גֵּרִים וְתוֹשָׁבִים), dieselben zwei Wörter wie am Anfang. Sogar Israel wohnt auf diesem Boden nur als Gast Gottes. Und es ist ein Land, auf dem Gottes Blick mit besonderer Aufmerksamkeit ruht:

„Ein Land, um das der Ewige, dein Gott, sich kümmert; beständig ruhen die Augen des Ewigen, deines Gottes, darauf, vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres."
(5.Mo 11,12)

Heiliger Boden trägt nicht jeden.

Denk die Kreise noch einmal von innen nach außen. Ganz innen der Bund, den Israel trägt. Um ihn herum der zweite Kreis, die Moral, die für jeden Menschen gilt. Und noch weiter draußen die Völker der Ferne, die nochri und die ben-nechar. Das ist der dritte Kreis.

Und nun das Entscheidende: Wer im Land wohnen will, muss mindestens im zweiten Kreis stehen. Er muss nicht Israel sein. Er muss den Bund nicht tragen. Aber unter die Schwelle der Moral darf er nicht sinken. Sonst kann das Land ihn nicht halten.

Das haben wir längst gesehen, ohne es so zu nennen. Die Völker Kanaans wurden nicht vertrieben, weil ihnen Schabbat oder Beschneidung fehlten. Sie wurden vertrieben, weil sie unter den zweiten Kreis gesunken waren, unter die Schwelle des Menschseins: Kinder im Feuer, Blut, Gräuel, Götzendienst. Und da, sagt die Tora, „spie das Land seine Bewohner aus" (nach 3.Mo 18,25).

Gott setzt das nicht immer sofort durch. Er hat gewartet, „denn die Schuld der Emoriter ist bis jetzt noch nicht voll" (1.Mo 15,16). Aber wieder und wieder in der Geschichte hat er es an unterschiedlichsten Völkern durchgesetzt.

Das Land ist kein neutraler Raum. Es sieht darauf, wer auf ihm lebt.

Und genau das öffnet den dritten Kreis. Denn wenn die Bedingung nicht die Abstammung ist, sondern das Verhalten, dann ist selbst dem Fernen der Weg nicht verschlossen. Wer aus den Völkern in den zweiten Kreis eintritt, wer also als Mensch unter Menschen recht lebt, dem ist grundsätzlich auch ein Platz auf diesem Boden möglich. (Wie sich das in der Wirklichkeit einer Gesellschaft verwirklichen lässt, ist zu allen Zeiten schwer, und heute erst recht.)

Das Land ist also nicht durch Blut verschlossen. Es ist durch das Leben geöffnet oder verschlossen.

Wohin das alles führt

Und wenn wir noch einen Schritt zurücktreten, sehen wir, dass diese Kreise kein Endzustand sind. Sie bewegen sich aufeinander zu.

Denn die Propheten kennen einen Tag, an dem die Völker nicht verschwinden und nicht alle zu Israel werden, aber zu Gott kommen. „Alle Völker strömen zu ihm", heißt es, „kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berg des Ewigen, damit er uns aus seinen Wegen lehre" (Jes 2,2-3; ebenso Mi 4,1-2). Am Ende ziehen sogar die übrig gebliebenen Völker Jahr für Jahr hinauf, „um sich niederzuwerfen vor dem König, dem Ewigen der Heerscharen, und das Laubhüttenfest zu feiern" (Sach 14,16).

„Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang ist mein Name groß unter den Völkern" (Mal 1,11). Und einmal wird den Völkern „eine reine Sprache" gegeben, „dass sie alle den Namen des Ewigen anrufen" (Zef 3,9).

Die Kreise lösen sich nicht auf. Aber sie klingen am Ende zusammen. Die Völker in ihrer Menschlichkeit, Israel in seiner Berufung, und über allen ein Name.

Und genau deshalb war der kleine Vers vom Aas nie ein Widerspruch. Er war wie ein Wegweiser. Drei Kreise, die man nur auseinanderhalten muss, um zu sehen, wie viel Ordnung, wie viel Würde und wie viel Hoffnung in ihnen liegt.

Was löst dieser Gedanke bei dir aus? Schreib mir gern unten eine Nachricht, ich lese jede.

Schalom,
Micha

Bibelzitate aus der Tora in eigener Übersetzung: „Or Tora – Die fünf Bücher Mose", © Schalom Israel. Einzelne noch nicht in Or Tora erfasste Tora-Verse sowie alle Zitate aus den übrigen Büchern des Tanach in eigener Übersetzung aus dem Hebräischen.

Micha Levzion

Micha lebt mit seiner Frau und sieben Kindern in Israel und schreibt auf diesem Blog über die Bibel, das Land und den Glauben. Er liebt es, tief in die Texte zu gehen – und das Entdeckte so aufzubereiten, dass es herausfordert, überrascht und mitten ins Leben trifft.

Kostenlos

7 übersehene Bibelverse mit gewaltiger Wirkung in deinem Alltag

Mutige Worte, die dir erlauben, anders zu leben, als alle es von dir erwarten.

Kein Spam. Abbestellen jederzeit möglich.

Schreib mir

Was bewegt dich an diesem Beitrag? Ich freue mich über deine Nachricht. Sie kommt direkt bei mir an und wird nicht veröffentlicht.