Eine Besitzurkunde und Sodom – Sind dies (zu Unrecht!) die langweiligsten Kapitel der Tora?

Sei ehrlich.

Du liest Devarim, das fünfte Buch der Tora, und kommst in das zweite Kapitel. Und dann passiert etwas mit deinen Augen. Sie werden schneller.

Denn dort stehen Namen. Ar und Seir. Kadesch Barnea. Das Tal Sered. Der Arnon. Kedemot, Cheschbon, Baschan, Edrei. Dort stehen Völker, von denen kein Mensch je gehört hat: Emim, Horim, Samsummim, Awim, Kaftorim. Dort stehen Grenzverläufe, Königsnamen, Truppenbewegungen, Beuteverzeichnisse. Seitenlang.

Und irgendwo in diesem Gelände denkt man den einen Gedanken, den man sich als frommer Leser nur ungern eingesteht:

Wozu das alles?

Eine Besitzurkunde und Sodom – Sind dies (zu Unrecht!) die langweiligsten Kapitel der Tora?

Ich habe diese Kapitel jahrelang überflogen. Landkarte, dachte ich. Militärgeschichte. Notwendiges Beiwerk vor den eigentlichen Reden.

Bis ich verstand, was ich da überfliege.

Denn diese Kriegsberichte sind kein Beiwerk.

Sie sind eine Besitzurkunde.

Und wenn man sie einmal so gelesen hat, öffnet sich dahinter eine Geschichte, die tausend Jahre läuft, mitten durch den Tanach hindurch, und die an einer Stelle endet, mit der niemand rechnet.

Lass uns anfangen.

Ein Kapitel, das dreimal Nein sagt

Bevor irgendein Krieg beginnt, verbietet Gott drei Kriege. Ausdrücklich, einzeln, mit Begründung.

Der erste gilt Edom, den Nachkommen Esaus:

„Ihr sollt euch nicht mit ihnen anlegen, denn ich werde euch von ihrem Land nichts geben, auch nicht so viel, wie ein Fuß breit tritt; denn das Gebirge Seir habe ich Esau als Besitz gegeben. Speise sollt ihr für Geld von ihnen kaufen, und auch Wasser sollt ihr für Geld von ihnen erwerben."
(5.Mo 2,5-6 – sinngemäß)

Nicht so viel, wie ein Fuß breit tritt. Und selbst das Wasser wird bezahlt.

Der zweite gilt Moab:

„Bedränge Moab nicht und lass dich nicht in einen Krieg mit ihnen ein, denn ich werde dir von seinem Land keinen Besitz geben; denn Ar habe ich den Söhnen Lots als Besitz gegeben."
(5.Mo 2,9 – sinngemäß)

Der dritte gilt Ammon:

„Bedränge sie nicht und lass dich nicht mit ihnen ein, denn ich werde dir vom Land der Söhne Ammons keinen Besitz geben; denn den Söhnen Lots habe ich es als Besitz gegeben."
(5.Mo 2,19 – sinngemäß)

Dreimal dasselbe Muster. Dreimal ein Verbot. Und dreimal dieselbe Begründung, wenn man genau hinhört.

Esau ist Jakobs Bruder.

Moab und Ammon sind Lots Söhne. Und Lot war Abrahams Neffe.

Es ist ein Familienverbot. Israel steht mit einer ganzen Generation kampferprobter Männer an der Grenze, und der Ewige sagt dreimal: Diese nicht. Das sind Verwandte.

Warum ausgerechnet diese drei

Und hier müssen wir kurz halt machen, denn die Begründung geht tiefer, als es zunächst aussieht.

Warum bekamen Lots Nachkommen überhaupt ein eigenes Land? Sie waren nicht die Linie der Verheißung. Sie kamen aus einer Nacht in einer Höhle bei Sodom, über die man lieber nicht spricht.

Raschi zieht die Linie zurück bis in diese Höhle.

Lot hatte zwei Töchter. Beide bekamen einen Sohn von ihrem eigenen Vater. Aber sie gingen völlig verschieden damit um.

Die ältere nannte ihren Sohn Moab. Das heißt: vom Vater. Sie stellte aus, was geschehen war. Jeder, der den Namen hörte, wusste Bescheid.

Die jüngere nannte ihren Sohn Ben Ammi. Das heißt: Sohn meines Volkes. Kein Wort über den Vater. Sie schwieg.

Und nun schau dir die beiden Verbote noch einmal an. Bei Ammon, dem Sohn der Diskreten, sagt Gott: Bedränge sie nicht, lass dich gar nicht mit ihnen ein. Vollschutz. Bei Moab dagegen, dem Sohn der Indiskreten, sagt Gott: Führe keinen Krieg gegen sie. Nur das. Raschi merkt an, dass Israel Moab durchaus erschrecken und ihnen Dinge abnehmen durfte – was Ammon gegenüber aber verboten war. (Ammon genoss also einen noch größeren Schutz als Moab.)

Der Schutz ist abgestuft.

Und der Maßstab dieser Abstufung ist das Taktgefühl einer Frau, Jahrhunderte zuvor, in einer Höhle, in einer Nacht, von der die Bibel nur widerwillig erzählt.

Merken wir uns das gut: Gott vergisst nichts. Auch das Kleine nicht. Auch nicht das, was niemand gesehen hat.

(Und noch etwas: Lot selbst hatte einmal geschwiegen, als Abraham in Ägypten seine Frau als seine Schwester ausgab. Er hätte reden können. Er tat es nicht. Auch dieses Schweigen, sagt Raschi, wurde seinen Nachkommen angerechnet. Ein Volk bekommt ein Land, weil ihr Stammvater einmal den Mund hielt, als es darauf ankam.)

Der Einschub, den jeder überliest

Und dann tut die Tora etwas Seltsames.

Mitten in dieser Aufzählung hält sie an und macht Völkerkunde. Zweimal. Als hätte jemand eine Fußnote in den Fließtext gekippt:

„Die Emim wohnten vormals darin, ein großes und zahlreiches und hochgewachsenes Volk wie die Anakiter... In Seir aber wohnten vormals die Horim, und die Söhne Esaus vertrieben sie und vernichteten sie vor sich her und wohnten an ihrer Stelle, so wie Israel es mit dem Land seines Besitzes tat."
(5.Mo 2,10-12 – sinngemäß)

Und wenige Verse später dasselbe für Ammon: Dort wohnten die Samsummim, Riesen, und Gott vertilgte sie vor ihnen, und sie wohnten an ihrer Stelle. Und die Awim bei Gaza wurden von den Kaftorim vernichtet (2,20-23).

Warum steht das da?

Lies den letzten Halbsatz noch einmal: so wie Israel es mit dem Land seines Besitzes tat.

Die Tora vergleicht Israels Landnahme ausdrücklich mit der von Esau und Lot. Und sie benutzt für beide dasselbe Vokabular: Gott vertilgte sie vor ihnen her, sie vertrieben sie, sie wohnten an ihrer Stelle.

Das ist eine Verteidigungsschrift.

Denn die Frage, die man Israel bis heute stellt, ist ja: Mit welchem Recht?

Und die Antwort dieses Einschubs lautet: Mit demselben Recht wie ihr alle!

Edom sitzt auf Land, aus dem Riesen vertrieben wurden. Ammon sitzt auf Land, aus dem Riesen vertrieben wurden. Die Kaftorim sitzen auf dem Land der Awim. Bei niemandem nennt ihr das Unrecht. Bei allen sagt die Tora: Gott hat es ihnen gegeben.

Bei Israel ist es keinen Deut anders.

Und genau deshalb steht der Einschub genau hier: Unmittelbar bevor die eigentlichen Kriege beginnen.

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Die Besitzurkunde

Jetzt kommen wir zu der Sache, die alles dreht. Und ich muss dich bitten, hier langsam zu lesen, denn es ist eine juristische Feinheit, und sie ist großartig.

Wir haben gerade gehört: Moabs Land ist tabu. Nicht anrühren. Gott hat es den Söhnen Lots gegeben.

Aber jetzt schau dir an, wo Israel am Ende von Devarim 2 und 3 tatsächlich sitzt. In Cheschbon. Im Land um Cheschbon herum. Ruben, Gad und der halbe Stamm Manasse bekommen dieses Gebiet zugeteilt.

Und Cheschbon war moabitisch.

Halte einen Moment inne. Das ist ein handfester Widerspruch. Gott verbietet ausdrücklich, Moab auch nur eine Fußbreite zu nehmen. Und am Ende der Paraschah wohnt Israel auf moabitischem Boden.

Wie geht das zusammen?

Über Sichon.

Sichon war König der Emoriter, und er hatte Cheschbon und das Umland vorher Moab abgenommen. Die Tora sagt das nicht nur, sie zitiert sogar die Spottlieder, die man damals darüber sang:

„Darum sagen die Spruchdichter: Kommt nach Cheschbon! Aufgebaut und befestigt werde die Stadt Sichons! Denn Feuer ging aus von Cheschbon... es fraß Ar in Moab."
(4.Mo 21,27-28 – sinngemäß)

Ein Volkslied über eine Niederlage Moabs. Die Tora zitiert ein weltliches Spottlied. Warum?

Weil es ein Beweisstück ist.

Der Talmud spricht die Konsequenz aus. Der Satz ist so knapp, dass man ihn zweimal lesen muss:

Ammon und Moab wurden durch Sichon gereinigt.
(Talmud Chullin 60b – sinngemäß)

Nitharu be-Sichon. Gereinigt. Das Land war für Israel gesperrt, solange es Moab gehörte. In dem Moment, in dem Sichon es eroberte, war es nicht mehr Moabs Land. Es war Sichons Land. Und Sichons Land durfte Israel nehmen.

Das Verbot galt dem Eigentümer, nicht dem Boden.

Und damit fällt alles an seinen Platz.

Die endlosen Grenzangaben sind keine Landvermessung. Die Königsnamen sind keine Folklore. Die genaue Angabe, wer wem was wann abgenommen hat, ist keine Detailverliebtheit eines antiken Chronisten.

Es ist eine Eigentumskette.

Die Tora führt Grundbuch. Sie dokumentiert lückenlos, wie ein Stück Erde von Hand zu Hand ging, weil an genau dieser Kette hängt, ob Israel rechtmäßig darauf sitzt. Wer über die Kriegsberichte hinwegliest, überliest den Grundbucheintrag.

Und wenn du das einmal siehst, liest sich das ganze Kapitel anders. Jeder Ortsname ist ein Eintrag. Jede Notiz „vormals wohnten dort die..." ist ein Vorbesitzer. Der Text ist nicht weitschweifig. Er ist gründlich. Wie es ein Text sein muss, der einen Rechtsanspruch begründet, den man dreitausend Jahre später noch bestreiten wird.

Interessant, oder?

Die Tora hat die Frage „mit welchem Recht?" beantwortet, lange bevor sie zum ersten Mal gestellt wurde.

Der Krieg, der mit einem Friedensangebot begann

Und dann geschieht etwas, das ich für eine der bemerkenswertesten Stellen der ganzen Tora halte.

Gott gibt einen unmissverständlichen Befehl:

„Macht euch auf, brecht auf und überschreitet den Fluss Arnon! Siehe, ich habe Sichon, den König von Cheschbon, den Emoriter, und sein Land in deine Hand gegeben. Beginne, nimm in Besitz, und lass dich mit ihm in einen Krieg ein!"
(5.Mo 2,24 – sinngemäß)

Beginne. Führe Krieg. Klarer geht es nicht.

Und was tut Mosche?

„Und ich sandte Boten aus der Wüste Kedemot an Sichon, den König von Cheschbon, mit Worten des Friedens."
(5.Mo 2,26 – sinngemäß)

Diwrei schalom. Worte des Friedens.

Lass uns ehrlich sein: Das ist Ungehorsam. Gott sagt Krieg, und Mosche schickt Diplomaten. Er bietet an, auf der Straße zu bleiben, nichts anzurühren, Essen und Wasser zu bezahlen. Er bietet Sichon eine Tür an, durch die dieser gehen könnte.

Der Midrasch lässt Gott darauf antworten. Und die Antwort ist nicht das, was man erwartet.

Sinngemäß sagt der Ewige: Ich habe dir befohlen, Krieg zu führen, und du hast mit Frieden begonnen. Bei deinem Leben, ich bestätige deine Entscheidung. Von jetzt an gilt für jeden Krieg, in den Israel zieht: Er beginnt mit einem Friedensangebot.

(Rabbi Jehoschua aus Sichnin im Namen von Rabbi Levi, Dewarim Rabbah.)

Und tatsächlich steht es später als Gesetz in der Tora:

„Wenn du dich einer Stadt näherst, um gegen sie zu kämpfen, so biete ihr Frieden an."
(5.Mo 20,10 – sinngemäß)

Spürst du, was da passiert ist?

Ein Mensch hält einen göttlichen Befehl in der Hand. Und er kann nicht anders, als vorher noch einmal die Hand auszustrecken. Nicht aus Feigheit. Aus Anstand.

Und Gott korrigiert ihn nicht.

Gott schreibt es ins Gesetz.

Das Kriegsrecht Israels, das bis heute gilt, entstand nicht aus einer Offenbarung am Sinai. Es entstand daraus, dass ein Mann in der Wüste Kedemot es nicht übers Herz brachte, ohne Vorwarnung anzugreifen.

Merken wir uns auch das gut. Es wird gleich wichtig.

Denn Sichon lehnte ab. Und Og von Baschan ebenfalls. Beide Kriege wurden geführt, beide gewonnen, und Israel saß am Ende auf dem Land, das ihm rechtmäßig zufiel.

(Irgendwie kommt mir all das so bekannt vor. Dir auch?)

Israel hatte sich an alles gehalten. An das dreifache Nein. An die Bezahlung für Wasser. An das Friedensangebot.

Jetzt kommt die Rechnung.

Kein Brot, kein Wasser

Israel verschont Edom. Israel verschont Moab. Israel verschont Ammon.

Und was tun die drei?

Edom verweigert nicht nur den Durchzug. Israel bietet an, auf der Straße zu bleiben und selbst für das Wasser zu bezahlen, und Edom antwortet mit einem Heer (4.Mo 20,18-21). Der Bruder lässt den Bruder nicht durch. Nicht einmal gegen Geld.

Moab heuert Bileam an, um Israel zu verfluchen. Und als das misslingt, schickt Moab seine Töchter, und Israel bricht bei Baal Peor ein, und vierundzwanzigtausend sterben (4.Mo 25). Das ist der Dank dafür, verschont worden zu sein.

Ammon macht bei Bileam mit.

Und die Tora fasst es später in einem Vers zusammen, der so nüchtern ist, dass er wehtut:

„Kein Ammoniter und kein Moabiter komme in die Gemeinde des Ewigen; auch im zehnten Geschlecht nicht... weil sie euch nicht mit Brot und Wasser entgegenkamen auf dem Weg, als ihr aus Ägypten zogt, und weil er Bileam gegen dich gedungen hat, dich zu verfluchen."
(5.Mo 23,4-5 – sinngemäß)

Kein Brot. Kein Wasser.

Nicht: Sie haben uns angegriffen. Nicht: Sie haben uns bestohlen.

Sie kamen uns nicht entgegen.

Das ist der Vorwurf. Ein Unterlassen. Israel zog an ihnen vorbei, unter ausdrücklichem göttlichem Schutzbefehl, bereit, für jeden Schluck zu zahlen. Und niemand kam heraus.

Und bei Edom, man staunt, bleibt die Tür offen:

„Du sollst den Edomiter nicht verabscheuen, denn er ist dein Bruder."
(5.Mo 23,8 – sinngemäß)

Nach allem. Nach der verweigerten Wasserstelle. Er ist dein Bruder.

Der Ewige hält an der Verwandtschaft fest, selbst wenn die Verwandten es längst nicht mehr tun.

Die Aktenlage

Und nun kommt der Teil, der mich beim Nachlesen am meisten erschüttert hat. Denn diese drei Völker verschwinden nicht aus dem Tanach. Sie kommen wieder. Und wieder. Und jedes Mal in derselben Rolle.

Lass uns die Akte aufschlagen.

Ammon. Nachasch der Ammoniter belagert Jawesch Gilead. Die Stadt bietet Kapitulation an. Und er nennt seine Bedingung:

„Unter dieser Bedingung will ich einen Bund mit euch schließen: dass ich jedem von euch das rechte Auge aussteche und damit Schande über ganz Israel bringe."
(1.Sam 11,2 – sinngemäß)

Nicht Sieg. Nicht Beute. Schande.

Später schickt David Trostgesandte zum Sohn des Nachasch, weil dessen Vater gestorben ist. Eine Geste. Und man schneidet den Gesandten die Gewänder bis zum Gesäß ab und den halben Bart und schickt sie so zurück (2.Sam 10,4).

Und dann dieser Satz beim Propheten Amos:

„Weil sie die Schwangeren Gileads aufschlitzten, um ihr Gebiet zu erweitern."
(Am 1,13 – sinngemäß)

Ich musste bei diesem Vers aufhören zu lesen. Wir kommen gleich darauf zurück.

Moab. Eglon, der König von Moab, unterdrückt Israel achtzehn Jahre lang (Ri 3). Mescha, der König von Moab, opfert in der Not seinen eigenen erstgeborenen Sohn auf der Stadtmauer (2.Kön 3,27).

Und dann ist da eine Geschichte, die kaum jemand kennt.

David flieht vor Saul. Er ist ein Gejagter, er hat nichts, und das Einzige, was er noch schützen will, sind seine Eltern. Und wohin bringt er sie?

„Und David sagte zum König von Moab: Lass doch meinen Vater und meine Mutter bei euch bleiben, bis ich weiß, was Gott mit mir tun wird. Und er brachte sie vor den König von Moab, und sie blieben bei ihm."
(1.Sam 22,3-4 – sinngemäß)

Nach Moab. Zu den Verwandten seiner Urgroßmutter Ruth. David vertraut Moab das Kostbarste an, was er hat, weil er sich auf die Familienbande verlässt.

Und dann?

Nichts.

Isai und seine Frau werden nie wieder erwähnt. Kein Wort. Sie verschwinden aus dem Text, als hätte man sie ausradiert.

Die Ausleger füllen dieses Schweigen: Der König von Moab ließ sie töten. (Das steht nicht im Vers. Es ist Tradition, und ich sage das ausdrücklich dazu. Aber das Schweigen des Textes ist selbst ein Indiz, und es erklärt eine Stelle, die sonst unerklärlich bleibt.)

Denn Jahre später, als David König ist, liest man diesen Satz:

„Und er schlug Moab und maß sie mit der Messschnur, indem er sie auf die Erde legen ließ; und er maß zwei Schnurlängen ab, um zu töten, und eine volle Schnurlänge, um am Leben zu lassen."
(2.Sam 8,2 – sinngemäß)

Zwei Drittel. Der Mann, in dessen Adern moabitisches Blut floss, der Urenkel der Moabiterin, geht mit einer Härte gegen Moab vor, die man bei ihm sonst nirgends findet.

Wenn man weiß, was in Moab mit seinen Eltern geschah, versteht man diesen Vers zum ersten Mal.

Edom. Und Edom steht am Ende dort, wo es am meisten wehtut. Als Jerusalem fällt, als der Tempel brennt, steht der Bruder daneben und feuert an:

„Gedenke, Ewiger, den Söhnen Edoms den Tag Jerusalems, die sprachen: Reißt nieder, reißt nieder bis auf den Grund!"
(Ps 137,7 – sinngemäß)

Und Amos benennt Edoms Vergehen mit genau dem Wort, das über der ganzen Paraschah steht:

„Weil er seinen Bruder mit dem Schwert verfolgte und sein Erbarmen erstickte."
(Am 1,11 – sinngemäß)

Seinen Bruder. Achiw. Dasselbe Wort, mit dem Gott den Krieg gegen ihn verboten hatte.

Und selbst nach dem Exil. Als die Heimkehrer die Mauer Jerusalems wieder aufbauen wollen, steht einer davor und versucht mit Spott, mit Intrigen, mit Mordanschlägen, es zu verhindern. Sein Name ist Tobija. Und die Bibel nennt ihn bei jeder Erwähnung mit demselben Zusatz: Tobija, der ammonitische Knecht (Neh 2,19; 4,1).

Von der Wüste bis Nehemja.

Tausend Jahre.

Dieselbe Rolle.

Die Ironie der Grenze

Und jetzt zurück zu dem Vers, bei dem ich aufhören musste zu lesen.

„Weil sie die Schwangeren Gileads aufschlitzten, um ihr Gebiet zu erweitern."
(Am 1,13)

Halte diesen Vers neben Devarim 2. Bitte tu es wirklich, nicht nur im Vorbeigehen.

Wer sind die Ammoniter?

Es sind die Menschen, deren Grenze Gott persönlich garantiert hat. Sie haben um dieses Land nie kämpfen müssen. Gott hat Riesen vor ihnen vertrieben, damit sie es bekommen. Gott hat eine ganze Armee, die stärkste in der Region, mit einem ausdrücklichen Befehl an ihrer Grenze gestoppt: Nicht anrühren. Diese Grenze ist heilig. Sie gehört ihnen.

Sie besaßen als einzige Völker der Region eine Grenze mit göttlicher Bestandsgarantie.

Und was tun sie damit?

Sie schlitzen schwangere Frauen auf.

Um ihr Gebiet zu erweitern.

Das Einzige, was ihnen geschenkt wurde, ohne dass sie einen Finger rührten, nehmen sie anderen mit einer Grausamkeit, für die es kaum Worte gibt.

Sie hatten am eigenen Leib erfahren, was es heißt, wenn ein Mächtiger vor deiner Grenze haltmacht, weil Gott es sagt.

Und sie haben daraus nichts gelernt. Gar nichts.

Der Kreis schließt sich

Und damit kommen wir zu dem Satz, bei dem mir dieser ganze Bogen erst aufging.

Der Prophet Zefanja spricht über Moab und Ammon:

„Ich habe die Schmähung Moabs gehört und das Lästern der Söhne Ammons, womit sie mein Volk geschmäht und sich gegen ihr Gebiet gebrüstet haben. Darum, so wahr ich lebe, spricht der Ewige der Heerscharen, der Gott Israels: Moab wird wie Sodom sein und die Söhne Ammons wie Gomorra."
(Zef 2,8-9 – sinngemäß)

Lies das noch einmal.

Wie Sodom.

Wer waren Moab und Ammon?

Es sind die Söhne Lots. Und Lot, das ist der Mann, den Engel bei der Hand nahmen und aus Sodom herauszerrten, während Feuer vom Himmel fiel. Sein ganzes Vorrecht hängt daran. Sein Land, sein Schutz, das dreifache Kriegsverbot Gottes, alles kommt daher, dass Gott ihn aus dieser einen Stadt herausgeholt hat.

Und seine Nachkommen enden mit dem Urteil, zu werden wie genau diese Stadt.

Sie sind dorthin zurückgekehrt, wovor ihr Stammvater bewahrt wurde.

Das ist keine Deutung von mir. Der Prophet sagt es mit dem Namen der Stadt.

Und wenn du fragst, was diese Völker aus dem Segen gemacht haben, den sie geschenkt bekamen, ohne einen Finger dafür zu rühren, dann ist das die Antwort, und sie kommt aus dem Tanach selbst.

Sie haben Sodom daraus gemacht.

Und dann sind sie einfach weg

Nun die Frage, auf die alles zuläuft. Was ist aus diesen drei Völkern geworden?

Geh heute nach Jordanien. Du wirst dort keinen Moabiter treffen. Keinen Ammoniter. Keinen Edomiter. Es gibt sie nicht mehr. Nicht als Volk, nicht als Stamm, nicht als Sprache. Sie sind vollständig von der Erde verschwunden.

Und die schönste Beschreibung dieses Verschwindens findet sich ausgerechnet in einer trockenen Diskussion des Lehrhauses vor vielen hundert Jahren.

Eines Tages steht ein Mann auf und stellt eine Frage. Sein Name ist Jehuda, und er ist ein Ammoniter, der sich Israel angeschlossen hat. Seine Frage: Darf ich in die Gemeinde?

Rabban Gamliel sagt nein. Der Vers ist eindeutig, auch im zehnten Geschlecht nicht.

Rabbi Jehoschua sagt: Sancherib ist längst gekommen und hat alle Völker durcheinandergewirbelt. Es gibt keinen nachweisbaren Ammoniter mehr auf der Welt.

Sie erlauben es ihm.

(Mischna Jadajim 4,4.)

Nimm dir einen Moment für das, was da geschehen ist.

Das Verbot wurde nie aufgehoben. Es steht bis heute in der Tora, unverändert, „auch im zehnten Geschlecht nicht".

Es wurde gegenstandslos.

Nicht weil Gott es sich anders überlegt hätte. Sondern weil es das Volk nicht mehr gibt, gegen das es sich richtete.

Der Ausschluss stand. Der Ausgeschlossene verschwand.

Und doch: Was von ihnen blieb

Aber die Geschichte endet nicht im Nichts. Und hier wird sie schön.

Denn während die Völker verschwanden, blieben Einzelne. Und ausgerechnet die stehen an den erstaunlichsten Stellen.

Ruth die Moabiterin. Aus dem Volk, dem der Zutritt für zehn Geschlechter verwehrt wurde, kommt die Urgroßmutter Davids. Und der Weg, auf dem sie hineinkam, schließt den Kreis auf eine Weise, die einem den Atem nimmt.

Die mündliche Überlieferung liest den Vers genau: „Ein Ammoniter und ein Moabiter". Männliche Formen. Also, sagen die Weisen: ein Moabiter, aber keine Moabiterin.

Und die Begründung? Der Vorwurf lautete doch: Sie kamen euch nicht mit Brot und Wasser entgegen. Aber Wanderern entgegenzugehen war Männersache. Von den Frauen war das nie erwartet worden. Also trifft sie der Vorwurf nicht.

(Talmud Jewamot 76b.)

Verstehst du, was das heißt?

Der Grund des Ausschlusses ist genau das, was den Ausschluss begrenzt. An der Tür, die Moab sich selbst zuschlug, blieb ein Spalt offen. Und durch diesen Spalt ging Ruth. Und durch Ruth kam David. Und durch David kommt alles Weitere.

Naama die Ammoniterin. Und es kommt noch besser. Schlag 1.Kön 14,21 auf, die Notiz über Rechabam, den Sohn Salomos, König in Jerusalem: „und der Name seiner Mutter war Naama, die Ammoniterin."

Beide „ausgeschlossenen" Völker stehen im Stammbaum des Königshauses.

Owadja. Und Edom? Das ganze Buch Owadja ist ein einziges Gerichtswort über Edom, vier Verse davon über den Tag, an dem Edom bei Jerusalems Fall danebenstand. Und die Weisen überliefern: Owadja war selbst Edomiter, der sich Israel anschloss. Er sei wie die Axt, deren Stiel aus genau dem Wald geschnitten ist, den sie fällt.

(Talmud Sanhedrin 39b.)

Wir finden hier also ein Muster, und es ist eindeutig:

Nicht die Völker sind geblieben.

Die Einzelnen sind geblieben, die sich lösten.

Was das heute mit uns zu tun hat

Nächste Woche ist Tischa beAw. Der Tag, an dem Israel um beide Tempel trauert. Und wenn an diesem Abend die Klagelieder gelesen werden, dann steht Edom mit im Raum, der Bruder, der danebenstand und rief: Reißt nieder bis auf den Grund.

Dieser Bogen ist also kein Museumsstück. Er läuft direkt auf den Tag zu, den wir in wenigen Tagen begehen.

Aber ich glaube, die eigentliche Frage dieses Textes ist eine andere, und sie ist unbequemer.

Diese drei Völker haben nichts getan, um ihren Segen zu verdienen. Gar nichts.

Edom bekam sein Land, weil Esau Isaaks Sohn war. Moab und Ammon bekamen ihres, weil Lot Abrahams Neffe war und weil eine ihrer Stammmütter in einer Höhle den Mund gehalten hatte. Sie wurden hineingeboren. Sie haben nichts geleistet, nichts gewählt, nichts bezahlt.

Und Gott hat sie behandelt wie Familie. Er hat ihre Grenzen mit demselben Ernst geschützt wie die seines eigenen Volkes. Er hat einer siegreichen Armee dreimal in den Arm gegriffen, ihretwegen.

Was für ein Startvorteil.

Und was haben sie daraus gemacht?

Kein Brot. Kein Wasser. Bileam. Peor. Ausgestochene Augen. Aufgeschlitzte Schwangere. Ein Bruder, der beim Brand danebensteht.

Und am Ende: Sodom.

Lass uns ehrlich sein, denn hier wird es persönlich. Wir alle sitzen auf etwas, das wir nicht verdient haben. Die Familie, in die du geboren wurdest. Das Land, in dem du aufgewachsen bist. Der Glaube, den dir jemand weitergegeben hat. Die Bibel, die bei dir zu Hause im Regal steht, während Menschen dafür gestorben sind, sie überhaupt lesen zu dürfen.

Nichts davon hast du dir erarbeitet.

Und die Geschichte dieser drei Völker sagt sehr nüchtern: Ein geschenkter Segen ist keine Garantie. Er ist eine Frage.

Denn Ammon hatte am eigenen Leib erlebt, wie Gott eine Grenze schützt, und schlitzte Schwangere auf, um seine zu erweitern. Wer geschont wurde und daraus nicht lernt, zu schonen, hat das Geschenk nicht verstanden. Er hat es nur verbraucht.

Und noch etwas, und damit schließt sich für mich der Kreis zu Mosche in der Wüste Kedemot.

Da war ein Mann, der einen göttlichen Kriegsbefehl in der Hand hielt und trotzdem erst noch die Hand ausstreckte. Gott hat das nicht bestraft. Gott hat es zum Gesetz gemacht.

Und da waren drei Völker, denen man die Hand entgegenstreckte, mit Geld für das Wasser, und sie kamen nicht heraus.

Dazwischen liegt alles.

Und du? Wo sitzt du auf etwas Geschenktem? Und was machst du damit, jetzt, an dem einen Tag, an dem einer vorbeikommt und Brot bräuchte?

Nicht die Völker sind geblieben, sondern die Einzelnen, die aus ihnen heraustraten. Segen macht niemanden groß. Er stellt nur die Frage, was du damit tust.

Was denkst du dazu? Ich freue mich auf deine Gedanken, zum Beispiel im Kommentarbereich unten.

Schalom,
Micha

Micha Levzion

Micha lebt mit seiner Frau und sieben Kindern in Israel und schreibt auf diesem Blog über die Bibel, das Land und den Glauben. Er liebt es, tief in die Texte zu gehen – und das Entdeckte so aufzubereiten, dass es herausfordert, überrascht und mitten ins Leben trifft.

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