Ein Mann steht auf einem Berg und blickt auf ein Land, das er nie betreten wird.
Der Ewige hat es Mosche gerade gesagt. Vierzig Jahre hat er dieses Volk getragen, durch das Meer, durch die Wüste, durch Aufstände und Wunder. Und nun heißt es: Du wirst hinüberschauen, aber du wirst nicht hinübergehen (4.Mo 27,12-13).
Man würde erwarten, dass ein Mensch in diesem Moment an sich selbst denkt. An das, was ihm entgeht. An die bittere Ironie, so nah am Ziel stehenzubleiben.
Mosche denkt an etwas anderes.
Seine erste Reaktion ist keine Klage. Es ist eine Bitte. Und sie gilt nicht ihm, sondern den Menschen, die er zurücklässt:
„Der Ewige, der Gott der Geister allen Fleisches, setze einen Mann über die Gemeinde, der vor ihnen her auszieht und vor ihnen her einzieht, der sie hinausführt und sie hineinführt, damit die Gemeinde des Ewigen nicht sei wie Schafe, die keinen Hirten haben."
(4.Mo 27,16-17 – sinngemäß)
Lies diese Bitte noch einmal langsam. Denn etwas daran ist merkwürdig.
Worum Mosche nicht bittet
Mosche bittet nicht um einen starken Mann.
Er bittet nicht um einen Feldherrn, obwohl das Volk vor der Eroberung eines ganzen Landes steht.
Er bittet nicht einmal um einen weisen Mann, obwohl er selbst der größte Lehrer war, den Israel je hatte.
Und er bittet auch nicht, wie man erwarten würde, um seine eigenen Söhne. (Raschi bemerkt genau das: Als Mosche kurz zuvor gehört hatte, wie die Töchter Zelofchads das Erbe ihres Vaters bekamen, dachte er, jetzt sei der Moment, um sein Amt an seine Söhne weiterzugeben. Doch Gott hatte längst einen anderen bestimmt.)
Stattdessen redet Mosche Gott mit einem seltenen Namen an: der Gott der Geister allen Fleisches.
Warum gerade so?
Was hat es mit dem Namen auf sich?
Es ist der Schlüssel zu allem, was er sich wünscht.
Und Gottes Antwort nennt dann die eine Eigenschaft, auf die alles hinausläuft.
„Nimm dir Jehoschua, den Sohn Nuns, einen Mann, in dem Geist ist, und lege deine Hand auf ihn."
(4.Mo 27,18 – sinngemäß)
Ein Mann, in dem Geist ist. Isch ascher ruach bo (אִישׁ אֲשֶׁר רוּחַ בּוֹ).
Was heißt das?
Das Wort, das alles trägt
Auf den ersten Blick klingt es vertraut. Ein Mann, in dem Geist ist – also ein begeisterter, begabter, geistlich erfüllter Mensch. So würden wir es wohl lesen. Und so gelesen sagt der Vers fast nichts, denn welcher Anführer wäre nicht gern „voller Geist"?
Doch das hebräische Wort ruach (רוּחַ) trägt mehrere Bedeutungen. Es heißt Wind, es heißt Atem, es heißt Geist. Aber es meint auch etwas sehr Konkretes: Die eigene, innere Art eines Menschen. Sein Wesen. Seinen Charakter.
Und genau in diese Richtung deuten es die alten Lehrer.
Raschi greift Mosches ungewöhnliche Anrede auf, den Gott der Geister, und legt ihm die eigentliche Bitte in den Mund:
„Herr der Welt, dir ist das Wesen eines jeden Einzelnen offenbar, und keiner gleicht dem anderen. Setze über sie einen Führer, der jeden Einzelnen zu ertragen vermag, jeden nach seiner eigenen Art."
Merken wir uns das gut. Mosche bittet nicht um jemanden, dem sich alle anpassen. Er bittet um jemanden, der sich an die Menschen anpasst. Der die Verschiedenheit von Hunderttausenden nicht als Störung erlebt, sondern trägt.
Und deshalb der Name: Gott der Geister allen Fleisches. Weil nur der, der jeden einzelnen Geist kennt, den Richtigen finden kann, der jedem einzelnen Geist gerecht wird.
Das ist die verborgene Pointe von ish asher ruach bo. Nicht ein Mann voller Geist. Sondern ein Mann, der Raum hat für den Geist jedes anderen.
Kostenlos
7 übersehene Bibelverse mit gewaltiger Wirkung in deinem Alltag
Mutige Worte, die dir erlauben, anders zu leben, als alle es von dir erwarten.
Ja, ich möchte die 7 Verse sehenDer Hirte, der jedes Tier kennt
Es ist kein Zufall, dass Mosche im selben Atemzug vom Hirten spricht. „Damit die Gemeinde nicht sei wie Schafe, die keinen Hirten haben." Ke-tzon asher ein lahem roeh.
Wir hören das Bild vom Hirten meist als Bild von Fürsorge. Das ist richtig, aber es ist nur die halbe Wahrheit.
Denn ein guter Hirte macht seine Herde nicht gleich.
Er weiß, welches Tier vorangeht und welches zurückbleibt. Er weiß, welches krank ist, welches trächtig, welches störrisch, welches ängstlich. Er treibt das eine und wartet auf das andere. Ein Hirte, der alle Schafe gleich behandelt, verliert die Hälfte der Herde.
Genau das ist die Führung, um die Mosche bittet. Kein Kommandeur, der Befehle über die Köpfe hinweg ruft. Ein Hirte, der jedes einzelne Wesen kennt.
Und wenn wir ehrlich sind, ist das die weit schwerere Aufgabe. Stärke kann man zeigen. Weisheit kann man lehren. Aber Tag für Tag die Eigenart jedes Menschen auszuhalten, den Lauten und den Leisen, den Zweifler und den Eiferer, ohne sie alle in dieselbe Form zu pressen – das verlangt eine Größe, die man von außen kaum sieht.
Warum kein zweiter Mosche
Und hier müssen wir kurz halt machen. Denn eine Frage drängt sich auf.
Wenn Mosche der größte Führer war, warum bekommt Israel nicht einfach einen „zweiten Mosche"?
Die Antwort der Tradition ist bemerkenswert. Als Gott sagt „lege deine Hand auf ihn", heißt es wenig später genauer: „lege von deiner Hoheit auf ihn" (4.Mo 27,20). Von deiner Hoheit. Etwas davon, nicht alles.
Die Weisen haben daraus ein berühmtes Bild geformt: Das Angesicht Mosches war wie die Sonne, das Angesicht Jehoschuas wie der Mond. Und die Ältesten jener Generation klagten darüber. Wehe dieser Schande, sagten sie, dass wir keinen zweiten von der Größe Mosches verdient haben.
Es klingt zunächst wie eine Herabsetzung. Doch schau genauer hin, dann kippt das Bild.
Die Sonne ist so stark, dass neben ihr keine Kerze mehr leuchten kann. Ihr Licht überstrahlt alles. Der Mond aber lässt Raum. Neben dem Mondlicht kann eine kleine Kerze noch etwas beitragen, kann noch etwas bewirken.
Und vielleicht war genau das nötig für den nächsten Abschnitt. Mosche empfing alles unmittelbar von oben; neben ihm musste das Volk nur folgen. Jehoschua sollte ein Volk ins Land führen, das nun selbst handeln, selbst kämpfen, selbst Verantwortung tragen würde. Dafür braucht es keinen, der alle überstrahlt. Es braucht einen, der die anderen leuchten lässt.
Der Mond ist nicht das gescheiterte Abbild der Sonne. Er ist die Art von Licht, die andere Lichter zulässt.
Und genau das ist wieder derselbe Gedanke: Ein Führer, der nicht alle in sein eigenes Maß zwingt, sondern jedem seinen eigenen Geist lässt.
Was das für uns heute heißt
Vielleicht denkst du, das sei eine Frage für Könige und Feldherren. Doch die meisten von uns führen, ob wir es so nennen oder nicht.
Eltern führen ihre Kinder. Und wer mehr als ein Kind hat, weiß es längst: Was das eine aufblühen lässt, verschließt das andere. Dasselbe Wort, beim einen Ermutigung, beim anderen Druck. Ein Elternteil, das alle Kinder gleich behandelt, behandelt in Wahrheit keines richtig.
Dasselbe gilt am Arbeitsplatz, in der Gemeinde, im Freundeskreis, überall dort, wo ein Mensch Verantwortung für andere trägt. Die Versuchung ist immer dieselbe: Wir wünschen uns, die anderen wären so wie wir. Sie sollen so denken, so reagieren, so funktionieren wie wir selbst. Und wo sie es nicht tun, halten wir sie für schwierig.
Lass uns ehrlich sein: Es ist unendlich viel leichter, von allen dasselbe zu verlangen, als jeden in seiner Eigenart zu sehen.
Doch die Tora stellt uns hier ein anderes Vorbild vor Augen. Der größte Auftrag Israels, ein ganzes Volk in ein neues Land zu führen, wurde nicht dem übertragen, der alle gleichmachte. Sondern dem, der jeden Einzelnen tragen konnte.
Das ist ein starker und tiefgehender Maßstab.
Wahre Führung erkennt man nicht daran, wie viele einem folgen. Sondern daran, ob die Menschen neben einem noch sie selbst sein dürfen.
Und du? Wo in deinem Leben trägst du Verantwortung für andere? Und begegnest du ihnen nach ihrer Art, oder wünschst du dir insgeheim, sie wären mehr wie du?
Der größte Führer Israels war nicht der, dem alle glichen, sondern der, der jeden Einzelnen ertrug.
Schalom,
Micha
Deine Gedanken
Was bewegt dich an diesem Beitrag? Ich freue mich über deinen Gedanken.