Der zweite Bock – was in die Wüste muss

Zwei Ziegenböcke stehen vor dem Heiligtum. Sie sehen gleich aus. Gleiche Größe, gleiche Farbe, gleiches Alter. (Die Tradition sagt sogar: Man kaufte sie so, dass man sie nicht unterscheiden konnte.)

Und dann wirft der Hohepriester Lose.

„Und Aaron soll Lose auf die beiden Ziegenböcke werfen, ein Los für den Ewigen und ein Los für Asasel."
(3. Mo 16,8)

Der zweite Bock – was in die Wüste muss

Einer wird geopfert. Der andere wird lebend in die Wüste geschickt. Ein Tier stirbt, eines läuft weiter. Beide tragen dasselbe Gewicht. Beide sind Teil desselben Tages. Beide gehören zum Herzstück von Jom Kippur.

Warum zwei? Warum nicht einer, der beides tut?

Was bedeutet „Asasel"?

Das Wort Asasel (עֲזָאזֵל) kommt nur hier vor. An keiner anderen Stelle der Torah. Das ist ungewöhnlich. Und es hat Ausleger seit Jahrtausenden beschäftigt.

Es gibt drei typische Interpretationen für dieses besondere Wort:

  1. Der Name eines schroffen Felsens in der Wüste, von dem der Bock gestürzt wurde. Raschi nennt einen Ort, an dem der Bock „zerbrach, bevor er unten ankam". (Also eine eher praktische und nüchterne Auslegung.)
  2. Eine Wortzusammensetzung aus ez (עֵז, Ziege) und azal (אָזַל, fortgehen). Der „fortgehende Bock". Der, der nicht zurückkommt. So lasen es auch christliche Übersetzer, als sie mit „Sündenbock" übersetzten.
  3. Hier wird angenommen, dass Asasel ein Name für die wilde, ungeordnete Gegend jenseits des Lagers war. Die Zone, in der das Chaos wohnt. Ein gottloses Land, könnte man sagen.

Drei unterschiedliche Deutungen, die aber doch in dieselbe Richtung zeigen. Der zweite Bock geht an einen Ort, der nicht gut ist. Er wird nicht gesegnet. Er wird nicht geopfert. Er wird hinausgetrieben.

Sühne und Entfernung sind zwei verschiedene Dinge

Hier liegt der Schlüssel. Der erste Bock stirbt als Sündopfer. Sein Blut wird gesprengt, sein Körper verbrannt. Das hebräische Wort dafür ist Kapparah (כַּפָּרָה) – wörtlich „Bedeckung". Die Schuld wird zugedeckt und gesühnt.

Doch damit ist der Tag nicht zu Ende.

„Und Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Ziegenbocks legen und über ihm alle Verschuldungen der Kinder Israels bekennen und alle ihre Übertretungen nach allen ihren Sünden; und er soll sie auf den Kopf des Ziegenbocks legen und ihn durch einen Mann, der dafür bereitsteht, in die Wüste fortschicken."
(3. Mo 16,21)

Der Hohepriester legt beide Hände auf. Er bekennt seine Sünden und die Sünden des Volkes. Und dann wird der Bock weggeführt. In ein unbewohntes Land. Dorthin, wo ihn niemand mehr sieht.

Wir finden hier also zwei Stufen von Sühne und Umkehr.

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Die zwei Bewegungen der Umkehr

Die Weisen haben auf diese Struktur hingewiesen: Teschuwa (תְּשׁוּבָה), die echte Umkehr, besteht aus zwei Bewegungen, nicht aus einer.

Die erste Bewegung ist das Hinbringen. Das Aussprechen. Das Bekennen vor dem Ewigen. (Juden tun dies nicht nur an Jom Kippur. Auch in den täglichen Gebeten gibt es Platz dafür. Auch wird ermutigt, sich am Ende des Tages oder der Woche bewusst Zeit dafür zu nehmen.) Was vor allem passiert: Die Sünde kommt zur Sprache.

Die zweite Bewegung ist das Fortschicken.

Das aktive Loswerden dessen, was in mir nicht mehr wohnen darf.

Und hier müssen wir kurz halt machen.

Denn bei vielen Menschen hakt dieser Schritt!

Lass uns ehrlich sein: Viele von uns sind gut im Bekennen. Wir haben gelernt, unsere Fehler zu benennen. Vielleicht haben wir sogar Therapeuten, Seelsorger, Selbsthilfebücher (diese Bereiche erleben heutzutage einen Boom). Das Aussprechen fällt uns – manchmal – sogar leicht.

Doch das Hinausschicken ist etwas anderes.

Die Flasche steht weiter im Schrank.
Die Beziehung wird nicht beendet.
Die Webseite ist noch in den Favoriten.
Der Zorn auf den Bruder wird weitergepflegt.

Bekennen ohne Hinausschicken ist nur Hälfte. Es ist der erste Bock ohne den zweiten.

Und das reicht nicht...

Warum muss der Bock lebend fortgeschickt werden?

Das ist vielleicht der überraschendste Teil. Der zweite Bock stirbt nicht im Heiligtum. Er wird lebend fortgeschickt. (Die Tradition sagt, er wurde am Ende von einer Klippe gestürzt, damit er auf keinen Fall zurück kommen kann. Interessant, oder?)

Warum lebend?

Weil das, was in uns nicht mehr wohnen darf, oft nicht „tot" ist.

Es lebt.

Es hat Kraft.

Es ist attraktiv.

Es ist vertraut.

Es ist vielleicht sogar fruchtbar – auf eine verdrehte Weise.

Gerade deshalb ist das Fortschicken so schwer.

Nicht das Sterbende fällt uns schwer loszulassen. Das Lebendige fällt uns schwer loszulassen.

Der Hohepriester legt seine Hände auf einen lebendigen Bock. Er bekennt über einem Tier, das atmet, das zurückschauen könnte, das nicht tot ist. Und dann wird es trotzdem weggeführt.

Weil das Lebendige nicht im Heiligtum bleiben kann, wenn das Heiligtum heilig bleiben soll.

Die Frage, die dieser Tag stellt

Es stellt sich also nicht nur die Frage nach „Was hast du getan?"

Sondern auch: Was bist du bereit fortzuschicken?

Das ist nicht dieselbe Frage. Die erste kann man mit einem inneren Rückblick beantworten. Die zweite verlangt eine Entscheidung, die mit dem heutigen Leben etwas zu tun hat.

Viele Menschen stehen am Ende eines aufrichtigen Bekenntnistages – und sind doch am nächsten Morgen dieselben wie zuvor. Nicht, weil sie nicht ernsthaft waren. Sondern weil sie den zweiten Bock vergessen haben.

Wie weise doch die Vorgaben der Torah sind, oder?

Denn Gott kennt genau diese Versuchung. ER kennt das menschliche Herz. Und deshalb gibt es diese Entfernung in diesem Ritual ein. Es ein äußerst wichtiger Teil der ganzen Sache.

Ohne den zweiten Bock ist Jom Kippur – und unsere Umkehr – nicht vollständig.

Und heute?

Wir haben keinen Tempel. Keine zwei Ziegenböcke. Keinen Hohepriester, der unsere Namen trägt. Aber die geistliche Struktur bleibt.

Frag dich: Was müsste in deinem Leben nicht nur bereut, sondern entfernt werden? Nicht zugedeckt, sondern in die Wüste getragen? Nicht benannt, sondern beendet?

Manchmal ist es ein Gegenstand.
Manchmal ist es eine Gewohnheit.
Manchmal ist ein Kontakt.
Manchmal ist es ein inneres Narrativ, das wir uns seit Jahren über jemanden erzählen.

Ja, das Fortschicken ist selten bequem. Es ist fast immer einsam. Der Bock geht in die Wüste. Er wird nicht bejubelt. Er bekommt keinen Applaus. Er verschwindet.

Doch genau dieses Verschwinden ist die Freiheit, die der Ewige seinem Volk schenken will.


Bekennen bringt die Sünde vor Gott. Erst das Hinausschicken bringt sie aus dir heraus.

Micha Levzion

Micha Levzion

Micha lebt mit seiner Frau und sieben Kindern in Israel und schreibt auf diesem Blog über die Bibel, das Land und den Glauben. Er liebt es, tief in die Texte zu gehen – und das Entdeckte so aufzubereiten, dass es herausfordert, überrascht und mitten ins Leben trifft.

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