Die Szene ist vielen vertraut: Ein alter, blinder Isaak, zwei Söhne – Esau, der Jäger, und Jakob, der stille Zeltbewohner. Und eine Mutter, Rebekka, die heimlich einen Plan schmiedet, um den Segen des Vaters vom Erstgeborenen Esau auf Jakob umzulenken. Sie bereitet das Essen zu, verkleidet Jakob, und am Ende spricht Isaak den großen Segen – über den „falschen“ Sohn.
Wenn man diese Geschichte liest, bleibt ein schales Gefühl zurück. Wie kann das sein, dass so große Persönlichkeiten ihren Mann bzw. Vater so hintergehen?
Warum tut Rebekka so etwas? Und warum macht Jakob bei diesem Täuschungsspiel überhaupt mit? Ist er nicht der, der später Israel heißen wird – der Stammvater des Volkes?
Je länger man die Geschichte betrachtet, desto mehr Fragen tauchen auf. Warum reden Rebekka und Isaak nicht einfach miteinander über die Situation der beiden Söhne? Warum versucht Rebekka nicht, ihren Mann zu überzeugen, statt ihn auszutricksen?
Die Bibel erzählt die Geschichte so, dass wir die Spannung spüren. Und gerade das lädt uns ein, genauer hinzuschauen und nicht vorschnell zu urteilen. Vielleicht ist hier mehr angelegt als nur ein „Moralstück“ über Lüge und Wahrheit.
Und vielleicht ist Rebekka sogar eine Frau, die den Familien-Frieden retten und ihren Mann – und die Geschichte – behutsam in die richtige Spur bringen will?
Hintergründe – Was eigentlich auf dem Spiel steht
Wichtig ist zunächst, dass wir den Kern der Szene verstehen: Jakob bekommt den Segen, der nach außen hin eindeutig für Esau vorgesehen war.
Man muss hier beachten, dass der Segen, um den es hier geht, nicht dem Erstgeburtsrecht gleichzusetzen ist. Dies sind zwei unterschiedliche „Segnungen“. Dies wird zum Beispiel in den Worten Esau sichtbar: „Mein Erstgeburtsrecht hat er weggenommen, und siehe, nun nimmt er auch meinen Segen!“ (1.Mo 27, 36). Später wurden diese Segnungen an unterschiedliche Söhne Jakobs weitergegeben: Juda bekam diesen Familien-Segen, Joseph das Erstgeburtsrecht (vgl 1. Chronik 5,1–2).
Nun passiert es, dass Isaak Esau ruft und ihn um ein Mahl bittet, damit er ihn segnen kann.
Doch dann greift Rebekka ein. Und am Ende steht Jakob vor seinem Vater, gibt sich als Esau aus und erhält den Segen. Als Esau kurz darauf erscheint und die Täuschung auffliegt, ist das Entsetzen groß. Esau schreit auf, Isaak zittert, und Esau fleht: „Hast du denn keinen Segen mehr für mich?“ Und Isaak antwortet im Kern: Der große Segen ist weg. Er ist gesprochen, er kann nicht zurückgenommen werden.
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei damit alles verteilt: Jakob hat alles bekommen – und Esau geht leer aus. Doch hier wird es interessant. Denn wenig später, bevor Jakob nach Haran aufbricht, segnet Isaak ihn noch einmal! Und diesmal ganz bewusst, im vollen Wissen, wer vor ihm steht. Er spricht einen gewaltigen Segen über ihn aus, der deutlich macht: Jakob ist der Träger der Verheißung Abrahams.
Offensichtlich war also doch noch „ein Segen übrig“.
Warum dann dieses ganze Drama? Warum nicht gleich so? Warum erst Täuschung, Tränen, Schmerz – und dann doch noch ein weiterer Segen?
Das Ziel eines vereinten Volkes
Ein Schlüssel liegt in einem Motiv, das wir später bei Jakob selbst wiederfinden. Am Ende seines Lebens segnet Jakob seine zwölf Söhne – und er segnet sie nicht „alle gleich“, sondern sehr unterschiedlich. Jeder Sohn bekommt einen eigenen Zuspruch, eine eigene Rolle, eine eigene Zukunftsperspektive. Zusammen formen diese verschiedenen Stärken ein großes Ganzes: Das Volk Israel. Kein Sohn ist überflüssig, keiner ist eine Kopie des anderen. Und gerade die Verschiedenheit macht die Fülle aus.
Genau das – so können wir es lesen – hatte Isaak auch mit seinen beiden Söhnen vor.
Er wollte, dass Jakob und Esau gemeinsam ein Volk aufbauen, jeder an seinem Platz, mit seinen besonderen Begabungen. Für
beide waren Segnungen vorgesehen, aber nicht dieselben.
Esau sollte eine bestimmte Rolle erhalten – eine, die Jakob sich durch die Täuschung aneignet.
Und es gab eine andere, tiefere Segnung, die von Anfang an zu Jakob gehörte – die Segnung der Bundeslinie, die Isaak aber nicht Esau geben wollte, als dieser verzweifelt fragt, ob noch ein Segen für ihn übrig sei.
Als Jakob später nach Haran aufbricht, empfängt er genau diese zweite, entscheidende Segnung von Isaak. Hier bestätigt der Vater bewusst, ohne Täuschung, dass Jakob der Träger der Verheißung ist – jener Segen, den er Esau nicht geben wollte.
Und nun kommt der spannende Teil mit Rebekka ins Spiel. Hier verändert sich plötzlich der ganze Blick auf die Geschichte.
Rebekka weiß mehr als Isaak
Rebekka trägt ein Wissen in sich, das Isaak offenbar nicht hat. Als sie mit den Zwillingen schwanger ist und die Schwangerschaft sie fast zerreißt, fragt sie Gott – und bekommt eine direkte Antwort: „Zwei Völker sind in deinem Leib… und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.“ (1. Mo 25, 23)
Für sie ist von Anfang an klar: Es geht nicht nur um zwei sehr unterschiedliche Brüder, sondern um zwei zukünftige Völker, zwei Linien in der Geschichte. Und: Sie werden im Konflikt zueinander stehen.
Im Lauf der Jahre sieht Rebekka, wie sich diese Prophetie langsam in der Realität abzeichnet: Esau wird der Mann des Feldes, impulsiv, jagend, stark, aber auch – wie immer mehr deutlich wird – mit einem Hang zum Bösen. Insbesondere achtet er sein Erbe nicht hoch, denn er ist bereit, sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht zu verkaufen.
Später lesen wir folgendes über Esau: „Ist nicht Esau Jakobs Bruder?, spricht der HERR. Dennoch habe ich Jakob geliebt, Esau aber habe ich gehasst; und sein Gebirge habe ich zu einer Wildnis gemacht und sein Erbteil den Schakalen der Wüste gegeben.“ (Maleachi 1,3)
Jakob dagegen ist der ruhige, zurückhaltende, „zeltbewohnende“ Sohn, der in der Welt des Wortes und der Beziehung zu Gott zuhause ist.
Immer deutlicher wird für Rebekka: Die Linie Esaus wird in eine andere Richtung laufen als die Linie Jakobs – und nicht nur „anders“, sondern feindlich. In ihren Augen wird Esau zum Stammvater des Volkes, das dem Volk Gottes gegenüberstehen wird, Jakob dagegen zum Träger der Verheißung.
Wichtig ist aber vor allem: Sie weiß, dass es um zwei Völker geht!
Und dass sie schon im Mutterbauch so stark aneinandergeraten, zeigt, dass sie nicht friedlich miteinander umgehen werden.
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Warum sagt sie es Isaak nicht?
Die große Frage ist: Warum erzählt Rebekka ihrem Mann das alles nicht? Warum setzt sie sich nicht mit Isaak hin und sagt: „Hör zu, Gott hat mir damals etwas gesagt, das alles verändert“?
Hier hilft ein kleiner hebräischer Detailsprung.
Wenn Gott mit Mose redet, lesen wir fast ständig die Formel: „Vayedaber Haschem el Mosche leemor – „Gott redete zu Mose und sagte…“.
Das wirkt auf Deutsch wie eine Dopplung, aber die rabbinische Auslegung macht genau hier einen Punkt: Aus dem Wort „leemor“ („zu sagen“) lernt man, dass man eine Mitteilung nur dann weitergeben darf, wenn man ausdrücklich die Erlaubnis dazu bekommen hat.
Ohne dieses „leemor“ bleibt eine Botschaft sozusagen vertraulich.
Und jetzt wird es interessant: Bei Rebekka steht in 1. Mose 25,23 einfach nur: „Und Gott sprach zu ihr…“ – im Hebräischen: „Vajomer Haschem lah“ – ohne „leemor“.
Wenn wir diese beiden Stellen nebeneinanderlegen, ergibt sich eine naheliegende Deutung: Mose bekommt Gottes Worte ausdrücklich „zum Weitergeben“, Rebekka hingegen nicht.
Ihre Prophetie ist ihr persönlich anvertraut. Sie weiß etwas über die Zukunft der beiden Söhne – aber sie hat kein Mandat, diese Information einfach an ihren Mann oder die Familie „auszuschütten“.
Man kann es so formulieren: Rebekka schweigt nicht, weil sie konfliktscheu ist, sondern weil sie die Prophetie als vertrauliche Mitteilung versteht. Der Ewige hat zu ihr gesprochen – nicht: „Sag es Isaak“, sondern einfach: „Dir sage ich es.“
Laschon Hara
Dazu kommt noch etwas anderes, sehr Menschliches: Isaak und Esau haben eine starke, tiefe Beziehung. Die Tora sagt ausdrücklich, dass Isaak Esau liebte, und die rabbinische Auslegung beschreibt, wie Esau seinen Vater mit Worten und fromm klingenden Fragen regelrecht „einfing“ – er wusste, wie er sich vor ihm präsentieren musste. (Chabad+1)
Rebekka dagegen durchschaut ihn (sie stammt aus dem Haus Labans, sie kennt Manipulation, sie erkennt Fassaden).
Jetzt stehen wir mitten in einem klassischen jüdischen Spannungsthema: Laschon Hara. Das meint verächtliche oder negative Rede über einen anderen Menschen – selbst dann, wenn sie wahr ist. Nach der Torah ist solches Reden grundsätzlich verboten, weil es den anderen beschämt und zerstört.
Natürlich gibt es Ausnahmen, wenn es um Schutz vor Schaden geht – aber die Grundhaltung ist: Man ist extrem vorsichtig, bevor man jemand anderem den Ruf ruiniert.
Übertragen auf unsere Geschichte bedeutet das:
Wenn Rebekka Isaak alles erzählt, was sie an Esau sieht, läuft sie Gefahr, genau das zu tun – sie würde das Bild des Sohnes vor den Augen des Vaters zerbrechen. Sie würde die Beziehung zwischen Isaak und Esau massiv beschädigen. Und das, obwohl Isaak – in ihrer Wahrnehmung – diesen Sohn noch nicht aufgegeben hat.
Dass Esau nicht nach dem Willen der Eltern lebt, ist ja nicht völlig unsichtbar. Die Tora berichtet, dass seine kanaanitischen Frauen für Isaak und Rebekka zu einer Quelle von Bitterkeit wurden (1. Mose 26,34–35). Isaak sieht zumindest einen Teil des Problems. Und doch scheint er Esau nicht abzuschreiben, sondern ihm noch eine Chance geben zu wollen.
Rebekkas Dilemma – und Isaaks Hoffnung
Damit wird Rebekkas innere Lage deutlich schärfer:
- Sie trägt eine Prophetie in sich, die von zwei Völkern spricht und vom Älteren, der dem Jüngeren dienen wird.
- Sie spürt, wie sich diese Prophetie im Charakter der Söhne erfüllt: Esau bewegt sich weg von Gott, Jakob hin zu Gott.
- Sie weiß, dass sie ohne klares Mandat nicht einfach alles weitererzählen darf.
- Und sie sieht gleichzeitig, wie sehr Isaak an seinem älteren Sohn hängt – und ihn noch nicht loslassen will.
Der Or HaChaim bringt das sehr schön auf den Punkt: Isaak ist nicht naiv. Er weiß um Esaus geistlichen Zustand, aber gerade deshalb will er ihn segnen – in der Hoffnung, dass der Segen Esau innerlich verändern und auf einen guten Weg bringen wird. (סיון רהב-מאיר+1)
Aus Sicht des Or HaChaim ist der Segen also kein „Blindflug“, sondern der verzweifelte, liebende Versuch eines Vaters, seinen schwierigen Sohn durch Gunst, Vertrauen und geistliche Kraft zurückzuholen.
Genau hier steckt der Schmerz der Geschichte: Rebekka sieht, dass der Ewige einen anderen Weg vorgesehen hat. Isaak hält an der Hoffnung fest, Esau werde seine Wege verbessern, wenn er erst einmal den kostbaren Segen bekommen hat.
Doch aus Esau und Jakob werden einmal zwei Völker – und diese beiden Linien stehen in Spannung, ja Feindschaft zueinander.
In der biblischen Perspektive wird Jakobs Linie zum Träger des Bundes, während Esaus Nachkommen (Edom) immer wieder als Gegenpol zu Israel auftreten.
Damit steht Rebekka innerlich an einem Punkt, den Isaak so nicht teilt:
Sie sieht – zugespitzt gesagt – Esau als Stamm eines künftigen „bösen“ Volkes, Jakob als Träger des „guten“ Volkes, der Bundeslinie. Und zugleich sieht sie, wie sehr ihr Mann an Esau hängt.
Eine Ehe in Gefahr?
Und in diesem Spannungsverhältnis geht es auch um die Ehe von Rebekka und Issak.
Denn wenn Rebekka jetzt mit der vollen Härte ihrer Einschätzung käme – „Esau wird der falsche Sohn, die falsche Linie“ –, besteht die Gefahr:
- dass Isaak sie als überkritisch erlebt,
- dass er sie als diejenige sieht, die seinen Sohn schlechtmacht,
- und dass die Ehebeziehung Schaden nimmt.
Psychologisch kennen wir das: Menschen hören ungern harte Wahrheiten über jemanden, den sie lieben. Oft ist der Reflex nicht: „Oh, danke für deine Klarheit“, sondern eher: „Warum redest du so schlecht über ihn? Was hast du gegen ihn?“
Man schießt den Boten ab, nicht die Nachricht.
Genau in diesem Spannungsfeld steht Rebekka: Sie will ihren Mann nicht verlieren, indem sie ihm seinen Sohn „kaputtredet“.
Rebekka spürt also: Isaak muss, wenn überhaupt, selbst zur Erkenntnis kommen, nicht nur durch ihre Worte.
Und so vergehen Jahre, ohne dass sie etwas „Großes“ unternimmt.
Aber wir können fest davon ausgehen, dass es innerlich in ihr arbeitet. Sie sieht, wie die Wege der beiden Söhne immer weiter auseinanderlaufen – und wie Isaak gleichzeitig seine Pläne mit Esau verfolgt.
Der Moment, in dem Rebekka handeln muss
Dann kommt der Tag, an dem Isaak Esau heimlich segnen will. Für Rebekka ist das der Punkt, an dem sie nicht mehr schweigen kann.
Sie weiß: Wenn jetzt nichts passiert, zementiert Isaak eine Rollenverteilung, die dem Plan Gottes widerspricht.
Und jetzt ist wichtig, wie wir ihre Aktion verstehen: Sie versucht nicht einfach, ihrem Lieblingssohn „den besseren Segen zu verschaffen“. Sie versucht vielmehr, Isaak zur Erkenntnis zu führen.
Ihre Hoffnung könnte man so zusammenfassen: „Wenn Isaak konfrontiert wird mit der Realität – mit Jakob vor ihm, mit Esaus Reaktion danach –, wird er geistlich erkennen, was Gott vorhat.“
Darum inszeniert sie dieses dramatische Schauspiel:
- Jakob wird verkleidet,
- Isaak prüft ihn von allen Seiten,
- Stimme und Hände passen nicht zusammen: „Die Stimme ist die Stimme Jakobs, aber die Hände sind die Hände Esaus.“ (1. Mose 27,22)
Die rabbinische Auslegung liest hier ein inneres Ringen Isaaks: Er spürt etwas von Jakobs geistlicher Qualität (die „Stimme Jakobs“) und gleichzeitig sieht er das „äußere Bild Esaus“ (die behaarten Hände, das Wildbret).
Dann heißt es: „Er roch den Duft seiner Kleider und segnete ihn …“ (1. Mose 27,27)
Man kann hier getrost davon ausgehen, dass Issak hier nicht nur körperlich roch. Es war ein geistliches, inneres Erkennen, dass er den „Richtigen“ für den Segen vor sich hatte. Das Hebräische gibt hierfür gewissen Spielraum.
Auslegungen sagen, dass Issak in diesem Moment den Duft des Gartens Eden roch – ein Bild dafür, dass hier jemand steht, in dessen Linie Gottes Plan weitergehen soll. (Sefaria)
Mit anderen Worten: Die hebräische Formulierung öffnet den Blick für etwas Tieferes. Isaak segnet nicht nur einen zufälligen Sohn im falschen Fell – er segnet den, in dessen Linie der Ewige sein Volk bauen will, mit all seiner Bruchstückhaftigkeit.
Esau tritt ein – und Isaak erkennt
Dann kommt der zweite Akt: Esau betritt die Szene.
Und jetzt passiert genau das, worauf Rebekka – bewusst oder unbewusst – gehofft hat:
- Isaak begreift, dass jemand anders vor ihm stand.
- Er „zittert mit einem großen, sehr großen Zittern“ (1. Mose 27,33).
- Und doch sagt er: „Ich habe ihn gesegnet – ja, gesegnet soll er bleiben.“
Das ist der Schlüsselmoment!
Isaak könnte sagen: „Dann nehme ich den Segen zurück. Das war ein Betrug.“
Aber er tut es nicht. Stattdessen bestätigt er den Segen ausdrücklich.
Viele Ausleger sehen darin genau das: Die geistliche Einsicht Isaaks.
Er erkennt, dass – trotz aller Täuschung – der Segen beim richtigen Sohn gelandet ist.
Ist dir aufgefallen, dass die Tora uns nirgends berichtet, dass Isaak anschließend wütend auf Jakob oder auf Rebekka wäre. Interessant, oder?
Es wäre nur natürlich.
Doch mit der obigen Erklärung wird deutlich, dass Isaak sicherlich sehr erleichtert und seiner Frau sehr dankbar war, dass sie ihn vor einem schlimmen Fehler bewahrt hat.
Nur durch ihre Mithilfe konnte er erkennen, wer wirklich würdig für den Segen war.
Und somit hat er auch keine Probleme, Jakob (auf den er keineswegs sauer war und der in keinster Weise kritisiert wird) noch den anderen großartigen Segen zu geben:
Und Gott, der Allmächtige, segne dich und mache dich fruchtbar und mehre dich, dass du zu einer Menge von Völkern werdest, und er gebe dir den Segen Abrahams, dir und deinem Samen mit dir, dass du das Land in Besitz nimmst, in dem du als Fremdling lebst, das Gott dem Abraham gegeben hat! (1.Mo 28, 3-4)
Und noch zwei interessante Beobachtungen:
1. Esaus Bereitschaft
Esau trägt dauerhaft Groll in seinem Herzen und schwört, seinen Bruder zu töten (1. Mose 27,41). Und damit zeigt er seine innere Haltung – in seinen Worten über Jakob, in seinem Hass, in seiner Bereitschaft zur Gewalt.
Genau diese Reaktion entlarvt, wer von beiden Brüdern wirklich in welche Richtung unterwegs ist.
Hier sehen wir aber auch, dass dieser Weg einen hohen Preis hatte (auch das gehört zur Wahrheit dieser Geschichte).
2. Rebekka rettet Jakob
Erneut wird die prophetische Ader von Rebekka deutlich. Sie weiß von dem Vorhaben Esaus, der sich in seinem Herzen (!) vorgenommen hat, seinen Bruder umzubringen (1. Mo 27, 41).
Die Lösung ist: Jakob muss fliehen!
Aber was sagt sie zu ihrem Mann Isaak?
„Hilf Jakob zu fliehen, denn sein Bruder will ihn umbringen!“?
Nein, das sagt sie nicht!
Erneut ist sie sehr darauf bedacht, kein Laschon Hara zu sprechen und sucht nach einem anderen guten Grund, um ihren Mann dazu zu bewegen, Jakob gehen zu lassen:
Und Rebekka sprach zu Isaak: Mir ist das Leben verleidet wegen der Töchter Hets; wenn Jakob eine Frau nimmt von den Töchtern Hets, wie diese da, von den Töchtern des Landes, was soll mir dann das Leben! Da rief Isaak den Jakob, segnete ihn und gebot ihm und sprach zu ihm: Nimm keine Frau von den Töchtern Kanaans! Mache dich auf und zieh nach Paddan-Aram, in das Haus Bethuels, des Vaters deiner Mutter, und nimm dir von dort eine Frau von den Töchtern Labans, des Bruders deiner Mutter! (1. Mo 27,46 – 28,2)
In all dem wird Rebekkas dramatischer, grenzwertiger Plan verständlich: Sie wollte nicht einfach „schummeln“ und ihren Mann hintergehen, um ihrem Lieblingssohn den Segen zu verschaffen. Nein, sie wollte eine Situation schaffen, in der Isaak erkennen kann, was sie seit Jahren weiß – ohne dass sie ihren Mann mit Anschuldigungen gegen seinen Sohn überfällt.
Was diese Geschichte uns heute lehren kann
Die Geschichte von Rebekka, Isaak, Jakob und Esau ist keine ferne Familiendrama-Episode, sondern ein Spiegel für Spannungen, die wir heute genauso kennen: Zwischen Wahrheit und Schweigen, Loyalität und Klarheit, Liebe und Enttäuschung.
Wenn wir auf ihre Entscheidungen schauen, zeichnen sich ein paar Linien ab, die auch uns etwas zu sagen haben:
- Diese Geschichte erinnert uns daran, wie ernst Laschon Hara genommen wird – und dass der Weg, kein Laschon Hara zu sprechen, manchmal einen hohen Preis hat. Schweigen kann Beziehungen schützen, aber es kann uns auch in schwere innere Spannungen bringen.
- Wir sehen, wie kostbar eine Ehe ist, in der man den anderen nicht bloßstellt, sondern schützt. Rebekka riskiert viel, um ihren Mann nicht zu verlieren – und macht damit deutlich, wie wichtig es ist, nicht „Recht haben“ über die Beziehung zu stellen.
- Gleichzeitig lernen wir, wie wertvoll es ist, die Beziehung zu den Kindern zu pflegen – auch zu den „schwierigen“. Isaak hält an Esau fest, Rebekka an Jakob. Elternliebe ist nie einfach schwarz-weiß, und doch muss sie sich immer wieder an Gottes Blick ausrichten.
- Die Geschichte zeigt, dass Gott auch durch zerbrochene, unperfekte Wege wirkt. Weder Rebekka noch Isaak handeln ideal, und trotzdem führt Gott seinen Plan mit Jakob weiter.
- Schließlich macht diese Erzählung deutlich, dass geistliche Erkenntnis nicht erzwungen werden kann. Manchmal können wir einem Menschen nicht „die Augen öffnen“, sondern nur beten, treu handeln und darauf vertrauen, dass der Ewige selbst den Moment schenkt, in dem er erkennt, was wahr ist.
7 übersehene Bibelverse mit gewaltiger Wirkung in deinem Alltag
Mutige Worte, die dir erlauben, anders zu leben, als alle es von dir erwarten.
Du wünschst dir, klarer, mutiger und näher an Gottes Herz durch deinen Alltag zu gehen?

Wow!!! Was für eine Auslegung! Danke lieber Micha! Das hab ich noch nie so gelesen…Ich empfand es nur immer komisch, dass man Jakob und auch Rebekka in diese negative Ecke gestellt hat. Nach dem Motto :Jakob der Lügner!
Und daraus soll Gott dann sein Volk segnen??? Das passte für mich nie zusammen. Ein großes Aha -Erlebnis. Dann hast du dieses Spannungsfeld und die Parallelen samt Lashon Hara zu heute absolut gut beschrieben. Wie viel schwerer ist es doch zu schweigen obwohl man im Recht ist und zu glauben! das Gott handeln wird anstatt in Lashon Hara zu fallen! Du hattest mal eine ganze Reihe über die böse Zunge geschrieben- ich bin dir bis heute sehr dankbar. Es ist das Wichtigste überhaupt und nach wie vor so unterbelichtet!!
Also nochmmals vielen Dank und viel Segen!
Rebekka
Hallo Rebekka,
Ganz vielen lieben Dank für deinen Kommentar. deine Worte bedeuten mir wirklich viel. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, so ehrlich zu schreiben.
Mir selbst ging es auch immer so, dass ich diese Begebenheit nie richtig einordnen konnte. Vor allem auch weil ja Jakob einer DER Persönlichkeiten in der Bibel ist. Aber mit den Jahren hat sich ein Puzzlestück nach dem anderen zusammengesetzt. Und jetzt ergibt sich für mich ein absolut logisches und sinnvolles Bild. Es ist so genial zu sehen, wie sich auch das Bild von Rebekka ändert. Sie handelt nicht aus listiger Schwäche, sondern aus einer prophetischen Klarheit heraus. Das zu sehen, verändert plötzlich alles.
Und was du über Lashon Hara schreibst… ja, das trifft mitten ins Herz. Es ist einer der schwersten Wege überhaupt: zu schweigen, wenn man im Recht ist. Zu vertrauen, während man innerlich brennt. Nicht in den Reflex zu fallen, sich zu rechtfertigen, zu erklären, zu kämpfen. VIelleicht starte ich bald mal wieder eine Themenreihe 😉
Wie schön, dass die kleine Reihe von damals so in Erinnerung geblieben ist.
Vielen Dank und von Herzen,
Micha
Shalom lieber Micha, bis vor kurzem hatte mich die Geschichte fasziniert, enttäuscht und frustriert; ich konnte teilweise nicht soviel damit anfangen…. Um so mehr danke ich dir für deine Erläuterungen und finde es schön und kostbar wie du das Thema und Drama beleuchtet hast. Stück für Stück aufgebröselt…! Das hat mir sehr geholfen mehr und mehr im Frieden mit dem Bibeltext zu sein.
Ja Lashon Hara ist mir auch noch ein Begriff (deine Lehre darüber…)und wie es hier gut mit reinpasst und darüber hinaus bedeutet es, sich im Vertrauen und Warten auf Gottes Handeln zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, schulen zu lassen.
Interessant ist auch, dass Jakob beim Laban (seinen Verwandten) wiederum auch betrogen und belogen wurde. Does it run in the family ?
Manche sagen auch, nun hat er die Retourgeschichte erfahren wie er mit seinem Bruder umgegangen ist..????
Denkt Gott wirklich so anders in gewissen Situationen oder ist das einfach das Leben ?!
Zu dem obigen Thema hatte ich schon auf telegram bei den Kommentaren etwas geschrieben, aber vielleicht ist es nicht angekommen..?
Bei der Geschichte über, Tamar und Judah, bin ich auch überrascht wie man sich selbst sein Recht holt und nimmt…kann man sagen….ohne auf Gott zu warten bis ER sie zu ihrem Recht kommen lässt…?? Einfach mal so mit dem Schwiegervater zu schlafen , mmmhhh tja, ich weiß ja auch nicht ..?