Warum die Tora einen Feigling deckt

Das Heer steht bereit.

Die Männer sind angetreten, die Reihen geordnet, der Feind wartet jenseits des Feldes. Und bevor auch nur ein Schwert gezogen wird, tritt der Priester vor und ruft etwas aus, das in keiner Armee der Welt Sinn ergibt.

Er schickt Leute nach Hause.

Warum die Tora einen Feigling deckt

„Wer ist der Mann, der ein neues Haus gebaut und es noch nicht eingeweiht hat? Er gehe und kehre in sein Haus zurück." Und weiter: Wer einen Weinberg gepflanzt hat und noch nicht von ihm gegessen hat, gehe heim. Wer sich eine Frau verlobt hat und sie noch nicht genommen hat, gehe heim (5.Mo 20,5-7).

Man kann darüber nachdenken. Ein Mann, dessen Herz zu Hause ist, kämpft schlecht.

Doch dann kommt ein vierter Satz. Und der passt nicht in die Reihe:

„Wer ist der Mann, der furchtsam ist und weichen Herzens? Er gehe und kehre in sein Haus zurück, damit nicht das Herz seiner Brüder zerschmilzt wie sein Herz."
(5.Mo 20,8)

Haus, Weinberg, Braut. Und dann: Angst.

Die ersten drei sind Lebensumstände. Der vierte ist ein Charakterurteil. Warum steht das nebeneinander?

Die Fassade, die die Tora gebaut hat

Hier müssen wir kurz halt machen, denn an dieser Stelle geschieht etwas, das ich lange übersehen habe.

Die Weisen fragen: Wovor genau fürchtet sich dieser Mann tatsächlich?

Rabbi Jose der Galiläer gibt eine geniale Antwort, die den ganzen Abschnitt umdreht.

Er fürchtet sich, sagt er, vor seinen eigenen Sünden.

Es ist nicht der Zitternde, der kein Blut sehen kann. Es ist der Mann, der weiß, dass er nicht rein vor Gott steht, und der deshalb nicht in eine Schlacht ziehen will, in der man sein Leben in Gottes Hand legt. Er hat etwas auf dem Gewissen. Und er weiß es.

Und jetzt kommt der Satz, der mich nicht mehr losgelassen hat.

Warum, fragen die Weisen, zählt die Tora überhaupt die drei anderen Fälle auf? Das Haus, den Weinberg, die Braut?

Damit dieser eine Mann sein Gesicht wahren kann.

Wenn er die Reihen verlässt und nach Hause geht, sieht jeder es. Aber niemand weiß, warum. Vielleicht wegen seines neuen Hauses. Vielleicht wegen des Weinbergs. Vielleicht wegen der Braut, die auf ihn wartet.

Die drei anderen Gründe sind also wie eine Tarnung.

(Sota 44a. Die Mischna dort formuliert es noch schärfer: Die Rückkehrer aus den ersten drei Gründen sollen sogar Wasser und Verpflegung für die Kämpfenden bereitstellen, damit ihr Weggehen völlig gewöhnlich aussieht.)

Lass das einen Moment wirken.

Der ewige Gott gibt Israel ein Kriegsgesetz. Es geht um Leben und Tod, um ein ganzes Heer, um das Bestehen eines Volkes.

Und mitten in dieses Gesetz baut er eine Fassade. Drei Vorwände. Nur damit ein einziger Mann, der Dreck am Stecken hat, nicht vor versammelter Mannschaft als Sünder dasteht.

Wie weise doch die Vorgaben der Tora sind, oder?

Was beim Bloßstellen wirklich passiert

Um zu verstehen, warum Gott sich diese Mühe macht, müssen wir uns anschauen, wie die jüdische Tradition über das Bloßstellen denkt. Und da wird es ernst.

Es gibt dafür einen eigenen Begriff. Er heißt halbanat panim (הַלְבָּנַת פָּנִים).

Wörtlich: das Weißmachen des Gesichts.

Schau dir an, was in einem Menschen passiert, den man vor anderen bloßstellt. Zuerst schießt ihm das Blut ins Gesicht, er wird rot. Und dann, im nächsten Moment, weicht das Blut. Er wird weiß.

Genau daran hängen die Weisen einen Vergleich, der einem den Atem nimmt:

„Wer das Gesicht seines Nächsten in der Öffentlichkeit weiß werden lässt, ist einem gleich, der Blut vergießt."
(nach Bawa Mezia 58b)

Das ist keine fromme Übertreibung. Es ist eine Beobachtung. Bei einem Mord fließt das Blut aus dem Körper. Beim Bloßstellen weicht das Blut aus dem Gesicht. Beide Male geht Leben aus einem Menschen heraus.

Und die Weisen gehen noch weiter. Rabbi Elasar aus Modiin zählt den, der das Gesicht seines Nächsten in der Öffentlichkeit weiß werden lässt, zu denen, die keinen Anteil an der kommenden Welt haben. Und er fügt ausdrücklich hinzu: selbst wenn dieser Mensch Tora und gute Werke vorzuweisen hat (Sprüche der Väter 3,11).

(Und das gilt auch dann, wenn der Vorwurf sachlich stimmt. Es geht nicht darum, ob du recht hast. Es geht darum, was du mit dem anderen tust, während du recht hast.)

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Lieber ins Feuer

Woher nehmen die Weisen diese Härte?

Sie haben eine Stelle im Blick, an der man normalerweise gar nicht auf dieses Thema kommt.

Tamar.

Sie ist schwanger, und niemand weiß von wem. Jehuda, ihr Schwiegervater, spricht das Urteil: Führt sie hinaus, und sie soll verbrannt werden.

Sie wird also hinausgeführt. Zum Feuer.

Und in ihrer Hand hält sie die Beweise. Siegelring, Schnur und Stab. Die Pfände Jehudas. Sie muss nur einen Satz sagen. Nur einen einzigen: Er war es. Euer Anführer. Er ist der Vater.

Sie sagt ihn nicht.

Stattdessen schickt sie die Gegenstände zu ihm und lässt ausrichten:

„Von dem Mann, dem dies gehört, bin ich schwanger. Erkenne doch, wem dieser Siegelring, diese Schnüre und dieser Stab gehören."
(1.Mo 38,25)

Erkenne doch. Haker na.

Sie nennt ihn nicht. Sie legt es in seine Hand. Wenn Jehuda schweigt, wird sie verbrannt. Und sie scheint bereit dazu zu sein.

Und daraus lernen die Weisen ihren härtesten Satz über dieses Thema:

„Besser werfe sich ein Mensch in einen brennenden Ofen, als dass er das Gesicht seines Nächsten in der Öffentlichkeit weiß werden lässt."
(nach Sota 10b)

Man liest so einen Satz und denkt zuerst, das kann doch nicht wörtlich gemeint sein.

Aber die Weisen leiten ihn nicht aus einer Theorie ab. Sie leiten ihn aus einer Frau ab, die tatsächlich vor dem Feuer stand und den Mund hielt.

Und dann geht es durch den ganzen Tanach

Wenn man einmal auf dieses Thema aufmerksam geworden ist, sieht man es überall. Der Tanach ist voll davon.

Josef. Der Moment, in dem er sich seinen Brüdern zu erkennen gibt, ist einer der größten der ganzen Tora. Zwanzig Jahre Schmerz, Verkauf, Sklaverei, Kerker, alles läuft auf diese eine Szene zu.

Und was tut Josef zuerst?

Er räumt den Raum.

„Und Josef konnte sich nicht mehr beherrschen vor allen, die um ihn standen, und er rief: Lasst jedermann von mir hinausgehen!"
(1.Mo 45,1)

Raschi erklärt, warum: Er konnte es nicht ertragen, dass die Ägypter dabeistehen und zusehen, wie seine Brüder beschämt werden, wenn er sich zu erkennen gibt.

Diese Männer haben ihn in eine Grube geworfen. Sie haben ihn verkauft. Er hätte allen Grund, sie vorzuführen. Und ausgerechnet in diesem Moment sorgt er dafür, dass kein Fremder zusieht.

Schaul.

Der erste König Israels hat versagt, Samuel hat ihm gerade gesagt, dass das Königtum von ihm gerissen wird.

Und was ist Schauls Bitte in diesem Moment? Nicht Vergebung. Nicht die Krone zurück.

„Ich habe gesündigt. Nun aber ehre mich doch vor den Ältesten meines Volkes und vor Israel."
(1.Sam 15,30)

Ehre mich doch vor den Ältesten.

Die Angst, vor den eigenen Leuten als Verworfener dazustehen, sitzt tiefer als der Verlust des Königtums.

(Man kann das als Schwäche lesen. Man kann es aber auch als ehrliches Bild davon lesen, wie sehr ein Mensch an seinem Gesicht hängt.)

Und dann ist da die Geschichte, an der ein Tempel zerbrach.

Ein wohlhabender Mann in Jerusalem gibt ein Festessen. Er will seinen Freund Kamtza einladen. Der Diener verwechselt den Namen und lädt Bar Kamtza ein, den Feind des Gastgebers.

Bar Kamtza kommt. Er ahnt nichts. Er setzt sich.

Der Gastgeber sieht ihn und fährt ihn an: Was hast du hier zu suchen? Steh auf und geh.

Und jetzt beginnt das eigentliche Drama. Bar Kamtza bittet: Lass mich bleiben, ich bezahle, was ich esse. Der Gastgeber lehnt ab. Bar Kamtza: Ich bezahle die Hälfte des ganzen Festes. Nein. Bar Kamtza: Ich bezahle das ganze Fest.

Der Gastgeber packt ihn und wirft ihn hinaus. Vor allen Gästen. Vor der ganzen Oberschicht Jerusalems.

Und im Saal sitzen die Weisen. Sie sehen alles. Und sie sagen kein Wort.

Bar Kamtza geht mit einem Gedanken hinaus: Die Gelehrten saßen dabei und haben nicht widersprochen. Also war es ihnen recht. Er geht zum Kaiser und verleumdet sein eigenes Volk. Und von dort läuft die Kette weiter, bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels.

(Gittin 55b-56a. Es ist bezeichnend, dass die Weisen selbst diese Geschichte überliefert haben, obwohl sie darin so schlecht dastehen.)

Merken wir uns das gut: Nach dieser Überlieferung fiel der Tempel nicht über einen verlorenen Krieg. Er fiel über eine Demütigung im Speisesaal, der niemand widersprach.

Und heute?

Lass uns ehrlich sein, denn hier hört das Bibelstudium auf und das Leben fängt an.

Die Korrektur im Meeting, vor den Kollegen, wo ein „das hätten Sie wissen müssen" reicht, um jemanden vor zwölf Leuten klein zu machen.

Der Lehrer, der ein Kind vor der Klasse vorführt, weil es die Aufgabe nicht kann.

Der Vater, der sein Kind auf dem Spielplatz anschreit, wo die anderen Eltern zuhören.

Der Partner, der beim Abendessen vor Gästen korrigiert wird. Nur eine Kleinigkeit. Nur ein Nebensatz.

Der Screenshot, der in die Gruppe geht.

Der Kommentar unter dem Beitrag, den dreihundert Menschen lesen.

Das „war doch nur Spaß", nachdem der andere schon rot geworden ist.

Die Familienfeier, auf der jemand eine alte Geschichte erzählt, die einer am Tisch lieber vergessen hätte.

Und die Nachfrage, die harmlos klingt und es nicht ist: „Und, hast du schon einen neuen Job?" „Und, wann kommen bei euch die Kinder?" Gestellt vor allen anderen.

Wir merken es oft nicht einmal. Der andere schon.

Und jetzt halte diese Liste neben unseren Vers. Gott hat drei Vorwände in ein Kriegsgesetz eingebaut, damit ein einziger Mann nicht bloßgestellt wird.

Wie viel Mühe geben wir uns?

Aber schweigen soll man auch nicht

Und hier müssen wir aufpassen, sonst kippt die Sache ins Falsche.

Denn dieselbe Tora, die das Bloßstellen so ernst nimmt, verlangt ausdrücklich, dass man einander zurechtweist. Wegsehen ist keine Lösung:

„Zurechtweisen sollst du deinen Nächsten, und lade nicht Schuld auf dich seinetwegen."
(3.Mo 19,17)

Beide Hälften dieses Verses gehören zusammen, und genau darin liegt die Kunst. Sag es. Aber sag es so, dass du dabei nicht selbst schuldig wirst.

Die Tora hat es uns gerade vorgemacht: Sie baut die Fassade für den ängstlichen Soldaten. Josef räumt den Raum, bevor die Wahrheit auf den Tisch kommt.

Die Wahrheit muss gesagt werden. Aber sie braucht keinen Zuschauerraum.

KURSIV(Soll ich mir in dieser Stelle einen kleinen Seitenhieb auf Social Media ersparen?)KURSIV

Vier Fäden von hier ins Praktische:

1. Unter vier Augen, immer, wenn es irgend geht.

2. Die Sache benennen, nicht den Menschen. „Diese Zahl stimmt nicht" ist etwas anderes als „du bist schlampig".

3. Den Ausweg offenlassen. Tamar hat Jehuda nicht entlarvt, sie hat ihm die Möglichkeit gegeben, es selbst zu sagen. Und er hat sie genutzt.

4. Und der schwerste: Nicht danebenstehen und schweigen. Bar Kamtza wurde nicht nur vom Gastgeber hinausgeworfen. Er wurde von allen anderen im Raum aufgegeben.

Was bleibt

Es gibt Sünden, die laut sind.

Diese ist leise.

Ein Satz in einer Runde. Ein Lachen im richtigen Moment. Ein Blick, der einen anderen klein macht. Man geht danach nach Hause und denkt keine Sekunde mehr darüber nach.

Der andere denkt eventuell noch jahrelang darüber nach.

Die Tora hat einem verängstigten Mann drei Ausreden geschenkt, damit er in Würde nach Hause gehen kann. Und wenn Gott sich diese Mühe macht für einen Einzelnen in einer Armee, dann sagt das etwas darüber, wie viel ihm die Würde eines Menschen wert ist.

Gibt es ein Gesicht, das in der letzten Zeit deinetwegen weiß geworden ist? Und wem könntest du diese Woche eine Fassade bauen?

Was denkst du dazu?

Schalom,

Micha

Micha Levzion

Micha lebt mit seiner Frau und sieben Kindern in Israel und schreibt auf diesem Blog über die Bibel, das Land und den Glauben. Er liebt es, tief in die Texte zu gehen – und das Entdeckte so aufzubereiten, dass es herausfordert, überrascht und mitten ins Leben trifft.

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