Worauf wartest du gerade – und was, wenn genau das der Punkt ist?

Ich saß in der Warteschlange einer israelischen Telefonhotline. Du kennst das: die Musik, die Ansage, das endlose Warten. „Hamtana." Gleich bist du dran. Meine Frau saß neben mir, und plötzlich sagte sie: „Hamtana... matana. Hörst du das? Das liegt doch direkt nebeneinander."

Ich hielt inne.

Hamtana (הַמְתָּנָה) bedeutet das Warten. Matana (מַתָּנָה) bedeutet das Geschenk. Beide Wörter sind fast identisch. Ein einziges He am Anfang macht den ganzen Unterschied. Das Warten trägt das Geschenk buchstäblich in sich.

Seitdem kann ich Warteschlangen nicht mehr ganz gleich betrachten.

Das Unbequemste, was es gibt

Lass uns ehrlich sein. Wir hassen das Warten. Wir drücken auf Knöpfe, wischen Bildschirme, aktualisieren Seiten (manchmal noch bevor die vorherige fertig geladen hat). Warten fühlt sich an wie Stillstand. Wie Zeitverlust. Wie etwas, das erst überwunden werden muss, bevor das eigentliche Leben beginnen kann.

Das ist keine neue Eigenschaft des Menschen. Aber in unserer Zeit ist es stärker geworden, weil wir fast vergessen haben, dass Warten überhaupt möglich ist. Alles kommt sofort. Alles lässt sich beschleunigen. Und deshalb wirkt Warten wie ein Systemfehler.

Doch die hebräische Sprache denkt darüber ganz anders.

Warten und Hoffen sind dasselbe Wort

Da ist noch etwas, das ich dir zeigen möchte.

Das Hebräische kennt ein Verb für das Warten: kavah (קָוָה). Es bedeutet „warten", aber auch „hoffen". Beide Bedeutungen liegen in demselben Wort. Und aus diesem Verb kommt eines der bekanntesten hebräischen Wörter überhaupt: Tikvah (תִקְוָה), die Hoffnung. Israels Nationalhymne trägt diesen Namen.

Interessant, oder? Im Deutschen sind Warten und Hoffen zwei verschiedene Dinge. Das eine ist passiv, das andere aktiv. Im Hebräischen ist es ein und dasselbe. Wer wartet, hofft. Wer hofft, wartet. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Das verändert die ganze Frage. Es geht nicht mehr darum, ob wir es aushalten zu warten. Es geht darum, worauf wir ausgerichtet sind, während wir warten.

Dawid: ein Mann, der jahrelang warten musste

Niemand im Tanach schreibt tiefer über das Warten als Dawid.

Er schreibt nicht als frommer Theologe am Schreibtisch. Er schreibt aus Höhlen, aus der Wüste, aus Jahren unter Verfolgung. Als jemand, dem eine große Verheißung gegeben wurde und der dann lange auf ihre Erfüllung warten musste, während die Realität das genaue Gegenteil zeigte.

Stell dir das mal vor: Samuel salbt ihn zum König, noch als junger Mann. Die Verheißung ist real. Und dann passiert jahrelang das genaue Gegenteil. Saul jagt ihn. Dawid lebt in Höhlen, schläft unter freiem Himmel, muss manchmal sogar ins Feindesland fliehen. Zwischen der Salbung und dem Thron liegen viele Jahre Wüste.

Psalm 40 beginnt mit einem Satz, der im Hebräischen noch gewichtiger klingt als in der Übersetzung:

„Ich wartete, wartete auf den Ewigen, und er neigte sich zu mir und hörte mein Rufen."
(Ps 40,2)

Kavoh kiviti (קַוֹּה קִוִּיתִי), wörtlich: wartend habe ich gewartet. Die Verdoppelung ist kein literarisches Ornament. Sie zeigt die Intensität. Das lange, anhaltende, nicht lockerlassende Warten. Keine einmalige Geste, sondern eine Haltung, die sich hält.

Und dann Vers 3: „Er zog mich heraus aus der schallenden Grube, aus dem Schlamm. Er stellte meine Füße auf einen Felsen."

Das Warten hat ihn nicht zerbrochen. Es hat ihn positioniert.

In Psalm 130 beschreibt Dawid das mit einem Bild, das man nicht so schnell vergisst:

„Meine Seele wartet auf den Ewigen, mehr als Wächter auf den Morgen, Wächter auf den Morgen."
(Ps 130,6)

Auch hier die Verdoppelung. Das Bild ist ein Wächter in der Nacht, der nicht schläft und nicht nachlässt, weil er weiß, dass der Morgen kommt, und der genau deshalb ausgerichtet bleibt. Kein passives Dulden. Aktives Ausharren mit Richtung.

Was mich dabei am meisten beeindruckt: Dawid hat in dieser Zeit die tiefsten Psalmen geschrieben. Psalm 57 entstand in einer Höhle, während Saul draußen nach ihm suchte. Psalm 27 mit dem Satz „Eines habe ich vom Ewigen erbeten, danach verlange ich" kommt aus einem Menschen, dem gerade alles weggebrochen ist. Diese Intimität mit Gott, diese Fähigkeit, in der Dunkelheit zu beten und zu preisen, das ist nicht trotz der Wartezeit entstanden. Sie entstand in ihr. Genau dort.

Das Warten hat aus Dawid den Menschen gemacht, der später ein ganzes Volk führen, mit Gott ringen und ein König „nach Gottes Herz" sein konnte. Und das fragt mich ehrlich: Hätte er das ohne die Höhlen, die Wüste, die langen Jahre des Wartens überhaupt werden können?

Was im Warten wirklich wächst

Warten ist unbequem, weil es uns aus der Kontrolle nimmt. Wir können nicht beschleunigen, nicht eingreifen, nicht optimieren. Und genau das ist sein tiefes Geschenk.

Das Erste, was im Warten wächst, ist Vertrauen. Nicht das theoretische Vertrauen, das man in ruhigen Phasen leicht bekennt. Sondern das gelebte, erprobte Vertrauen, das entsteht, wenn man keine andere Wahl hat als loszulassen. Vertrauen lässt sich nicht erzwingen und auch nicht erlernen, wenn alles unter Kontrolle ist. Es entsteht nur im Warten.

Das Zweite ist Selbsterkenntnis. Im Warten begegnen wir uns selbst. Wir erkennen, woran wir wirklich hängen, was uns wirklich antreibt, was uns wirklich Angst macht. Das kann unbequem sein. Aber es ist ehrlich. Und dieser Spiegel ist ein Geschenk.

Das Dritte ist eine Art innere Stille, die auf keinem anderen Weg entsteht. Im Hebräischen heißt es Bitul (בִיטוּל): das bewusste Zurücktreten des eigenen Willens, um Raum für etwas Größeres zu schaffen. Kein Konzept der Schwäche. Eines der geistlichen Reife.

Und dann ist da noch etwas Praktisches: Wartezeiten sind Zeiten, in denen wir hören können, was sonst im Lärm untergeht. Wenn du gerade auf eine Antwort wartest, auf eine Entscheidung, auf eine Veränderung, dann ist die Frage nicht nur: „Wann kommt es endlich?" Die tiefere Frage lautet: „Was möchte Gott mir zeigen, während ich warte?" Vielleicht ist eine Korrektur nötig. Vielleicht eine Vorbereitung. Vielleicht einfach eine Vertiefung. Das Warten ist selten sinnlos, auch wenn es sich so anfühlt.

Das Warten formt uns. Nicht obwohl es schwer ist, sondern genau deshalb.

Hamtana ist nicht der Weg zur matana. Hamtana ist die matana.


Das nächste Mal, wenn du wartest (in einer Hotline, in einer schwierigen Lebensphase, auf eine Antwort, die noch nicht gekommen ist) vielleicht hilft dann dieser eine hebräische Gedanke:

Das Warten, in dem du gerade steckst, trägt seinen Namen nicht umsonst.

Worauf wartest du gerade, und wie verändert sich die Frage, wenn du das Warten nicht als Hindernis siehst, sondern als das Geschenk selbst?

Micha Levzion

Micha Levzion

Micha lebt mit seiner Frau und sieben Kindern in Israel und schreibt auf diesem Blog über die Bibel, das Land und den Glauben. Er liebt es, tief in die Texte zu gehen – und das Entdeckte so aufzubereiten, dass es herausfordert, überrascht und mitten ins Leben trifft.

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