Zwei Wörter. Nur zweimal stehen sie so in der ganzen Tora.
Lech lecha.
Wörtlich heißt das: „Geh für dich." Oder auch: „Geh dir." Ein seltsamer Ausdruck, den die meisten Übersetzungen glätten, auch unsere. Im Deutschen steht dann einfach „Geh fort" oder „geh". Im Hebräischen aber steht beide Male dieses doppelte, fast stolpernde „Lech lecha".
Das erste Mal ganz am Anfang von Abrahams Weg: „Geh fort aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde." (1.Mo 12,1)
Und das zweite Mal in der Paraschah Wajera, ganz am Ende, bei der schwersten Prüfung seines Lebens: „Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Jizchak, und geh in das Land Morija." (1.Mo 22,2) Auch dort steht im Hebräischen: Lech lecha.
Zwischen den beiden Sätzen liegen zehn Kapitel und einige Jahrzehnte. Sie bilden eine Klammer um Abrahams ganzes Leben mit Gott.
Die Weisen haben das natürlich bemerkt. Im Midrasch, der alten jüdischen Auslegung der Tora, sagt Rabbi Levi: „Zweimal steht ‚Lech lecha' geschrieben, und wir wissen nicht, welches Gott lieber ist, das erste oder das zweite." (Bereschit Rabba 39,9)
Eine wunderbare Frage. Und die Antwort darauf führt mitten in unser eigenes Leben.
Zweimal derselbe Bauplan
Wer die beiden Sätze nebeneinanderlegt, merkt, dass sie gleich gebaut sind.
Beim ersten Mal heißt es: Aus deinem Land. Aus deiner Verwandtschaft. Aus dem Haus deines Vaters. Ein alter Ausleger bemerkt, dass jedes Glied schwerer ist als das vorige. Das Land zu verlassen ist schwer. Die Familie noch schwerer. Das eigene Vaterhaus am schwersten.
Beim zweiten Mal genau dasselbe Muster: Deinen Sohn. Deinen einzigen. Den du liebst. Jizchak.
Der Midrasch hört darin ein Gespräch (Bereschit Rabba 55,7). Gott sagt: „Nimm deinen Sohn." Abraham antwortet: „Ich habe zwei Söhne." Gott: „Deinen einzigen." Abraham: „Jeder von beiden ist der einzige seiner Mutter." Gott: „Den du liebst." Abraham: „Ich liebe beide." Und dann erst: „Jizchak."
Warum sagt Gott nicht sofort, was er meint? Die Weisen geben beide Male dieselbe Antwort: Um es ihm „schonend" beizubringen und ihm Lohn zu geben für jedes einzelne Wort.
Und noch etwas ist gleich. Beim ersten Mal sagt Gott: „In das Land, das ich dir zeigen werde." Beim zweiten Mal: „Auf einem der Berge, den ich dir nennen werde." Beide Male zieht Abraham los, ohne zu wissen, wohin.
Jeder Schritt zählt
Rav Chaim Kofman überliefert dazu einen Gedanken von Rav Baruch Ber Leibowitz, einem der großen Lehrer der Toraschulen Litauens.
Hätte Gott zu Abraham gesagt: „Geh ins Land Israel", dann wären alle Schritte dorthin nur Vorbereitung gewesen, Mittel zum Zweck. Der Weg zur Erfüllung des Auftrags. Aber weil Gott ihm das Ziel nicht nennt, ist jeder einzelne Schritt schon eine Erfüllung des Gebots. Abraham erfüllt Gottes Willen mit jedem Fuß, den er vor den anderen setzt, lange bevor er ankommt.
Das deckt sich mit dem, was der Midrasch über den ersten Auszug sagt: Gott verriet das Ziel nicht, um ihm Lohn zu geben „für jeden einzelnen Schritt".
Ein starker und mutmachender Gedanke, oder? Wie oft gehen wir einen Weg und wissen nicht, wohin er führt. Eine Krankheit, eine Kündigung, ein Umzug, ein Kind, das andere Wege geht. Wir denken: Erst wenn ich weiß, wie es ausgeht, hat das alles einen Sinn.
Abraham sagt etwas anderes. Der Sinn liegt schon im Gehen.
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Ja, ich möchte die 7 Verse sehenErst die Vergangenheit, dann die Zukunft
Die Weisen zählen zehn Prüfungen, mit denen Abraham geprüft wurde (Sprüche der Väter 5,3). Rambam zählt sie einzeln auf. Die erste ist das erste „Lech lecha", der Auszug aus seinem Land. Die zehnte ist die Bindung Jizchaks.
Und wenn man genau hinsieht, verlangen die beiden etwas Entgegengesetztes.
Beim ersten Mal soll Abraham alles hinter sich lassen, woher er kommt. Land, Familie, Vaterhaus. Seine Vergangenheit.
Beim zweiten Mal soll er hergeben, wohin er geht. Den Sohn, an dem jede Verheißung hängt.
Mit fünfundsiebzig gibt er die Vergangenheit her. Mit weit über hundert soll er die Zukunft hergeben.
Lech und lecha
In einem Wochenblatt zur Paraschah (Etz HaChaim) bin ich auf einen spannenden Gedanken gestoßen.
„Lech lecha" sind eigentlich zwei Wörter, und jedes kann man für sich lesen.
- „Lech" heißt: Geh. Geh weg. Lass los.
- „lecha" heißt: Für dich. Dir. Was zu dir gehört.
Im Leben, so der Verfasser, muss man lernen, zu manchen Dingen „lech" zu sagen und zu anderen „lecha". Was darf gehen? Und was gehört zu mir und soll bleiben?
Er bringt dazu einen Hinweis aus einem älteren Buch, der für unsere Paraschah wie gemacht ist. Das erste „lech" deute auf Jischmael, den Abraham wegschicken musste. Das zweite, „lecha", auf Jizchak, der ihm blieb.
Und genau das geschieht in Wajera, in zwei Kapiteln direkt hintereinander.
In Kapitel 21 muss Abraham seinen Sohn Jischmael mit Hagar fortschicken. Es fällt ihm unendlich schwer. Die Tora sagt es ausdrücklich: „Und die Sache missfiel sehr in den Augen Abrahams, um seines Sohnes willen." (1.Mo 21,11) Doch Gott sagt ihm, dass es so sein muss, und Abraham steht früh am Morgen auf, gibt Hagar Brot und Wasser und lässt sie gehen.
In Kapitel 22 geht er mit Jizchak auf den Berg. Und dort, im letzten Augenblick, ruft der Engel: „Strecke deine Hand nicht nach dem Knaben aus und tu ihm nichts!" (1.Mo 22,12) Raschi, der wichtigste jüdische Ausleger der Tora, betont, dass Gott nie gesagt hatte, Abraham solle ihn schlachten. Er hatte gesagt: Bring ihn hinauf. Was Gott wollte, war ein Herz, das bereit ist.
Jizchak kommt wieder den Berg herunter. Er ist das „lecha". Das, was bleibt.
Wozu du „lech" sagen darfst
Und jetzt zu uns. Denn ich glaube, fast jeder von uns schleppt Dinge mit sich herum, zu denen er längst „lech" sagen dürfte.
Die Kränkung von vor zwanzig Jahren, die man jeden Abend noch einmal durchspielt.
Das Etikett, das einem jemand angeheftet hat. Der Lehrer, der gesagt hat, aus dir wird nichts. Der Vater, der nie zufrieden war.
Die alte Schuld, für die man längst um Vergebung gebeten und Umkehr getan hat, und die man trotzdem nicht loslässt.
Und einen Gedanken, auf den mich das Wochenblatt mit einer Fußnote aufmerksam gemacht hat: Es gibt Menschen, die nicht zu Gott umkehren, weil sie meinen, nach allem, was sie getan haben, könne Gott sie ja nur noch hassen... Doch auch zu diesem Gedanken darf man „lech" sagen. Denn er stimmt nicht.
All das darf gehen. Nicht, weil es nicht wehgetan hätte. Sondern weil es dich nicht weiter tragen kann.
Und wozu „lecha"
Aber es gibt auch die andere Seite, und die vergessen wir oft.
Das Gute, das Gott in deinem Leben schon getan hat. Die Gebete, die erhört wurden. Die Menschen, die dich lieben. Das Gute, das du selbst getan hast, auch wenn es niemand gesehen hat.
Das ist „lecha". Das gehört zu dir. Daran darfst du dich festhalten, gerade dann, wenn ein Weg schwer wird.
Wer nur „lech" sagt, wird leer. Wer nur „lecha" sagt, kommt nicht vom Fleck. Abraham hat beides gelernt.
Steig aus dem Bus
Rav Fischel Schachter, ein bekannter Lehrer und Erzähler aus Amerika, erzählt eine Geschichte, die ich hier weitergeben möchte.
Eine Frau überlebte die Schoa als Einzige ihrer ganzen Familie. Nach dem Krieg heiratete sie. Doch zwölf Jahre lang blieb sie kinderlos. Eines Tages ging sie zu einem Arzt, und der sagte ihr: „Erst wenn mir Haare auf der Handfläche wachsen, dann werden Sie ein Kind bekommen."
Sie verließ die Praxis wie betäubt und setzte sich in einen Bus. Sie hatte keinen Grund mehr, irgendwo auszusteigen. Also blieb sie einfach sitzen. Station um Station, Runde um Runde.
Irgendwann, an der Endstation, drehte sich der Fahrer um. Er war kein Jude, er wusste nichts von ihr. Er sagte nur: „Gute Frau, gehen Sie weiter mit Ihrem Leben und steigen Sie aus diesem Bus aus."
Dieser Satz hat sie aufgerüttelt und sie nahm ihn als Zeichen. Als hätte Gott selbst ihr durch diesen fremden Mann gesagt: Lech. Steh auf. Geh weiter.
Ein Jahr später bekam sie einen Sohn.
Und Rav Schachter schließt die Geschichte mit dem Satz: „Ich weiß, dass sie wahr ist. Denn ich bin dieses Kind."
Als seine Mutter Jahrzehnte später starb, so wird erzählt, hatte sie so viele Urenkel, dass es für einen ganzen Haarschopf auf der Hand dieses Arztes gereicht hätte.
(Wer meinen Artikel zur Paraschah Lech Lecha gelesen hat, „Was Abraham in den Sternen las", wird hier den gleichen Gedanken wiedererkennen. Prognosen haben nicht das letzte Wort.)
Zurück zum Ursprung
Bleibt die Frage von Rabbi Levi: Welches „Lech lecha" war Gott lieber?
Seine Antwort: Das zweite. Denn dort nennt Gott das Ziel, das Land Morija. Das ist der Berg, auf dem später der Tempel in Jerusalem stehen wird (2.Chr 3,1).
Und der Kli Jakar, ein Ausleger aus Prag um das Jahr 1600, fügt etwas Interessantes hinzu. Er liest das „lecha", das „für dich", beim zweiten Mal als „zu dir selbst", zu deinem Ursprung. Denn nach der Überlieferung nahm Gott die Erde, aus der er den ersten Menschen formte, genau von diesem Ort, an dem später der Altar stehen sollte.
Das erste „Lech lecha" führt Abraham weg von dem, woher er kommt. Das zweite führt ihn zurück zu dem, woher jeder Mensch kommt.
Vielleicht ist das das Geheimnis dieser beiden Wörter. Wer loslässt, was ihn festhält, kommt am Ende bei sich selbst an. Und bei Gott.
Ein drittes „Geh für dich"
Zum Schluss noch etwas, das mir beim Suchen aufgefallen ist.
In der männlichen Form steht „Lech lecha" nur bei Abraham. Aber die weibliche Form gibt es noch einmal im Tanach, genauer zweimal, im Lied der Lieder. Dort ruft der Geliebte im Frühling: „Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und geh für dich." (Hld 2,10)
Es ist derselbe Ruf. Nur dass er hier aus dem Mund eines Liebenden kommt.
Und ich glaube, so dürfen wir auch die beiden „Lech lecha" Abrahams hören. Keine harten Befehle eines fernen Herrschers. Der Ruf von jemandem, der dich liebt und der weiß, wohin dein Weg führt, auch wenn du es noch nicht weißt.
Lass gehen, was dich festhält. Halte fest, was dir gegeben ist. Und geh, auch wenn du das Ziel noch nicht kennst. Jeder Schritt zählt.
Wozu möchtest du in dieser Woche „lech" sagen? Und was ist dein „lecha"?
Schalom,
Micha
Bibelzitate aus der Tora in eigener Übersetzung: „Or Tora – Die fünf Bücher Mose", © Schalom Israel. Zitate aus den Propheten und Schriften in eigener Übersetzung aus dem Hebräischen.
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