Achtzehn Mal… und dann…

von Micha Levzion  ·  0 Kommentare  ·  Lesezeit: Minuten

Wer die letzten Kapitel des Buches Schemot (das zweite Buch Mose) liest, dem fällt schnell etwas auf, das merkwürdig wirkt: Derselbe Satz taucht immer und immer wieder auf:

„wie der Ewige Mosche geboten hatte“ (hebr. ka’ascher tziwah Adonai et-Mosche, כַּאֲשֶׁר צִוָּה יְהוָה אֶת-מֹשֶׁה)

Insgesamt erscheint diese Formel rund achtzehn Mal. Nach jedem Arbeitsschritt am Mischkan, dem Stiftszelt, nach jeder gefertigten Stange, nach jedem genähten Priestergewand: Immer wieder dieselbe Aussage. Mosche tat alles so, wie Gott es geheißen hatte.

Würde ein Kind in der Schule so schreiben, würde es Punktabzug für einen schlechten Stil bekommen. Zuviel Redundanz.

Doch im hebräischen Denken ist Wiederholung niemals ein Stilfehler. Sie ist Absicht. Sie ist theologische Aussage durch Struktur. Was die Torah wiederholt, das will sie einbrennen. Was sie achtzehn Mal sagt, das trägt ein Gewicht und wichtige Hinweise.

Und auch Zahlen sind kein Zufall!

Was kurz zuvor passiert war

Um diese Wiederholung zu verstehen, muss man wissen, was unmittelbar davor geschehen ist. Die Wochenlesungen Wajakhel–Pekudei sind ja kein Neubeginn. Sie stehen im Schatten eines der dunkelsten Momente in der Geschichte Israels: dem Goldenen Kalb.

Mosche ist vierzig Tage auf dem Berg Sinai. Das Volk wartet. Die Stille wird unerträglich. Und dann passiert das, was der Ewige ausdrücklich verboten hatte: Israel schmilzt seinen Goldschmuck ein, formt ein Kalb und ruft aus „das sind eure Götter, Israel!“ (2.Mo 32,4)

Das Goldene Kalb ist nicht wirklich ein Abfall vom Glauben. Aber auf jeden Fall ist es Eigenmächtigkeit in ihrer reinsten Form. Israel entschied selbst sus eigenem Ermessen, wie Gott verehrt werden sollte. (Morgen feiern wir ein Fest für den Herrn, sagten sie!)

Das bedeutet:

→ Die Sünde war das Vertrauen auf die eigene Vorstellung davon, was gut und richtig ist!

Und die Folge war schwer. Die Schechina – die greifbare Gegenwart des Ewigen – verlässt das Lager. Gottes Antwort auf Mosches Fürbitte ist: „Ich selbst werde nicht mitziehen“ (2.Mo 33,3). Ein erschütternder Bruch.

Und genau hier beginnt Wajakhel–Pekudei.

Tikkun – Wiederherstellung durch dieselbe Kraft

Ein zentrales Prinzip des hebräischen Denkens lautet: Ein Fehler wird nicht durch bloße Reue getilgt. Er wird durch die Umkehr derselben Kraft in die richtige Richtung geheilt. Im Hebräischen nennt man diesen Prozess Tikkun (תִּיקּוּן). Es geht um eine Wiederherstellung, Heilung und Korrektur.

Der Ohr HaChaim (Rabbi Chaim ibn Attar, einer der bedeutendsten sephardischen Kommentatoren des 18. Jahrhunderts) zeigt in einem bemerkenswerten Kommentar, wie präzise dieser Tikkun in Wajakhel–Pekudei vollzogen wird:

Beim Goldenen Kalb: Israel bringt Gold. In Begeisterung. Schnell. Freiwillig. Aus eigenem Antrieb.

Beim Bau des Mischkan: Israel bringt Gold. In Begeisterung. Schnell. Freiwillig. Aus eigenem Antrieb.

Alles gleich bis auf einen entscheidenden Unterschied: Diesmal handeln sie wie Gott es geboten hatte.

→ Gott vernichtet nicht, was schiefgelaufen ist. Er leitet es um. Dieselbe Energie, dasselbe Material, dieselbe Hingabe. Aber jetzt nicht aus eigener Einschätzung.

In Erstellung der Stiftshütte, so wie Gott es geboten hatte, wurde die Asche des Goldenen Kalbes verbrannt und zerstreut. (Ohr HaChaim zu 2.Mo 39,42)

Achtzehn – und das Geheimnis dahinter

Jetzt kehren wir zur Zahl zurück. Achtzehn Mal die Formel.

Warum gerade achtzehn?

Im Hebräischen hat jeder Buchstabe einen Zahlenwert. Und die Zahl 18 entspricht dem Wort Chai (חַי) – „Leben“. Chet (ח) = 8, Jod (י) = 10. Zusammen: 18. Chai – Leben.

Und jetzt wird es spannend.

Das Goldene Kalb war totes Gold, dem Israel Leben zuschrieb, das es nicht hatte. Ein Götze, Materie ohne Atem, Form ohne Inhalt, Schein ohne Sein. Das Kalb hatte kein Chai.

Und nun, beim Bau des Mischkan, erscheint die Formel „wie der Ewige Mosche geboten hatte“ genau achtzehn MalChai – Leben. Israel hat das tote Gold durch lebendigen Gehorsam ersetzt.

Das Mischkan ist der Beweis: Hier wohnt wirklich Leben, weil Gott, der Lebendige, selbst einzieht.

Gehorsam als Mitschöpfung

Und da ist noch mehr.

Ausleger verbinden die achtzehn Wiederholungen mit der Schöpfungserzählung. Die Welt wurde durch neun hörbare Aussprüche Gottes erschaffen, denn neun Mal heißt es in der Schöpfungsgeschichte „Und Gott sprach“ (1.Mo 1).

(Dabei wird der erste Ausspruch am Anfang nicht mitgezählt, weil er nicht wirklich „hörbar“ war – es gab noch nichts, was zuhören konnte – daher neun und nicht zehn.)

Beim Bau der Stiftshütte aber arbeitet Gott nicht allein. Er arbeitet mit dem Menschen zusammen. Darum: 9 × 2 = 18. Und wieder das Chai, Leben. Neun Aussprüche Gottes bei der Schöpfung der Welt – verdoppelt, weil nun Mensch und Schöpfer gemeinsam bauen.

Das ist eine tiefgreifende Aussage: Gehorsam ist keine Unterwerfung. Gehorsam ist Mitschöpfung. Wer so handelt, wie der Ewige es gesagt hat, tritt in eine schöpferische Partnerschaft mit dem Vater ein.

Die Stiftshütte ist eine Neuschöpfung. Doch dieses Mal nicht von Gott allein, sondern von Gott und Mensch gemeinsam.

→ Das verändert alles. Jedes Mal, wenn wir tun, was gesagt wurde, erschaffen wir etwas mit Gott zusammen. Als Mitschöpfer.

Das öffentliche Zeugnis der Schechina

Dann kommt der letzte Vers der ganzen Parashah – und er ist der entscheidende.

„Da bedeckte die Wolke das Zelt der Begegnung, und die Herrlichkeit des Ewigen füllte die Stiftshütte.“ (2.Mo 40,34)

Die Schechina ist zurück. Die Gegenwart des Ewigen, die nach dem Goldenen Kalb das Lager verlassen hatte kommt wieder. Sie wohnt wieder in der Mitte des Volkes.

Raschi, der bekannteste jüdische Kommentator des Mittelalters erklärt den Namen dieses Zeltes: Es heißt Mischkan haEdut (מִשְׁכַּן הָעֵדוּת) – „Stiftszelt des Zeugnisses“.

Doch Zeugnis wofür?

Raschi schreibt klar: „Die Stiftshütte ist ein Zeugnis vor aller Welt, dass der Ewige Israel das Goldene Kalb vergeben hat – denn seine Gegenwart wohnt wieder in ihrer Mitte.“

Die Schechina zieht nicht ein, weil Israel perfekt ist. Sie zieht ein, weil Israel umgekehrt ist.

Was das für uns bedeutet

Lass uns ehrlich sein: Wir alle kennen das Goldene Kalb aus unserem eigenen Leben.

Nicht aus böser Absicht, sondern aus ehrlicher Überzeugung handeln wir manchmal so, wie wir denken, dass es richtig sei. Wir formen unsere eigenen Bilder davon, was Glaube bedeutet, wie Beziehungen funktionieren sollen, was wir von Gott erwarten können. Und dann merken irgendwann, dass die „Schechina“ nicht einzieht. Dass die Herrlichkeit ausbleibt.

Wajakhel–Pekudei zeigen uns den Weg zurück. Nicht durch große Gefühlsausbrüche. Nicht durch neue Strategien. Sondern durch konsequentes Tun des Gesagten. Und zwar im Detail.

Kein „Ach, das passt doch auch so“ oder „Wird schon nicht so schlimm sein.“

Dabei fällt auf: Die Torah schildert das nicht als Last.

Sie schildert es als Chai – als Leben. Achtzehn Mal Gehorsam ist nicht achtzehn Mal Verzicht. Es ist achtzehn Mal Schöpfung. Achtzehn Mal Partnerschaft mit dem Lebendigen.

Und am Ende? Zieht er ein.

Micha Levzion schreibt aus Israel für Menschen, die tiefer verstehen wollen, ohne sich mit Schlagworten zufriedenzugeben. In „Schalom Israel“ verbindet er Bibeltexte, Einblicke aus dem Land und persönliche Beobachtungen zu Gedanken, die im Kopf bleiben und im Alltag weiterarbeiten dürfen.

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